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Absender Thema: Gedächtnisprotokoll einer Vauban-Bewohnerin
ande
Administrator
13.01.2004
Gedächtnisprotokoll einer Vauban-Bewohnerin, die den Besetzern von Haus 053 morgens am 13.1.2004 um 7:30 Kaffee bringen wollte.

"Wir waren fünf von denen, die am Abend vorher in der SPD-Fraktionssitzung nochmal die Dringlichkeit der Erhaltung der Kasernen für den sozialen Wohnungsbau nahebringen wollten und die um eine Verlängerung der Frist vor dem Abriß gebeten haben.

Ausgemacht war: Treffen um 7:30 Uhr, für einige war es vor der Arbeit, um mit den Besetzern vor Ort Kaffee zu trinken, vor dem Gebäude am Feuer im Regen.

Plötzlich kamen (etwa gegen 8 Uhr) sehr schnell sehr viele Polizisten mit Stiefeln, Helmen, Schlagstöcken und Hunden auf das Haus zu. In Windeseile hatten sie das Labyrinth aus Zaunelementen entfernt und sagten uns fünf verdatterten Menschen, daß wir uns nicht mehr entfernen dürften.

Wir hatten inzwischen – fast in Panik – versucht, andere Leute per Handy zu erreichen, was wir kaum schafften, da wir keine Telefonnummern dabeihatten und uns teilweise gar nicht kannten.

Es folgte die Aufnahme der Personalien, dann mußten wir zum Fotografieren und zur Leibesvisite (Abtasten) ins Haus, was wir gar nicht vorgehabt hatten. Dort waren die anderen - gerade aus dem Schlaf aufgeschreckten - Besetzer, denen es genauso ging wie uns. Null Aufforderung, das Haus zu verlassen, null Vorwarnung, vielmehr sofort eine Ausweiskontrolle und Abgabe aller persönlichen Habseligkeiten: In meinem Fall ein Kamm, eine Haarbürste, drei Papiertaschentücher und ein Schlüsselbund (Wohnungs- und Fahrradschlüssel) sowie zwei Kugelschreiber, leider kein Ausweis.

Die echte Überraschung kam erst jetzt: Abtransport in einem fensterlosen, niedrigen kleinen Lieferwagen mit mehreren Kabinen, zum Revier Süd. Vorne zwei oder drei Polizisten (man konnte sie nicht sehen), in der Mitte eine verzweifelte junge Frau, alleine in der fensterlosen Kabine und hinten wir drei.

Dort angekommen: nochmalige Aufnahme der Personalien, das Personal "entspannter" als vor Ort, wo die Behandlung sehr unterschiedlich war: Freundlich, verständnisvoll bis zu völlig ungeduldig und vielleicht überfordert.

Weitere erkennungsdienstliche Maßnahmen aller Art: Nochmals fünf Fotos in verschiedenen Positionen und Fingerabdrücke (alle Finger beider Hände). Ich fand meine Fingerabdrücke sehr schön.

Alles in höflicher, freundlicher Atmosphäre: Büro-Normalität.

Ich war im Spannungsfeld: Soll ich mich kriminalisiert fühlen, ungerecht behandelt oder sagen: Ist nicht so tragisch.

Jetzt, mit einigen Stunden Abstand ist es mir im Bauch nicht mehr so hohl wie heute früh, als ich mich einer übermächtigen Gewalt ausgeliefert sah. Nach wie vor bin ich tief beeindruckt von der Fahrt in diesem fensterlosen, mit Metall verkleideten Auto. Ich erinnerte mich an Bücher von Verschleppungen in Südamerika, die Zeit kam mir endlos vor, sehr bedrückend und fühlte mich ohnmächtig. Ähnliche Situation auf der Toilette, in der ich war, ohne die Möglichkeit, die Tür selber zu öffnen. ich mußte warten, bis ein Beamter Zeit hatte, auf mein etwa 5-10maliges, wildes Klopfen die Türe zu öffnen. Die Gefahr, durchzudrehen, war für mich groß.

Gut getan haben mir die jungen Leute, die den Aufenthalt in dieser zooartigen Großzelle fast witzig genommen hatten. Sie haben Affen gespielt und sind an den Gittern herumgeklettert und waren – so schien es – gut drauf, haben absurde Witze gerissen.

Ich frage mich, ob soviel ängstliche Aufmerksamkeit und Aufwand für absolut arglose Menschen, die für eine vertretenswerte Sache einstehen, wirklich nötig ist.

Soweit ich es gesehen habe, wurde bei der ganzen Aktion weder Widerstand geleistet noch wurden Menschen verletzt noch Sachen zerstört.

Ich halte solche Aktionen für Geld- und Zeitverschwendung und es macht mich sehr nachdenklich über die Prioritäten in unserem Staat – bzw. in unserer "suferen" Stadt. Anscheinend ist doch genug Geld da.

Ich wäre der ersten Aufforderung zum Verlassen des Geländes sofort nachgekommen, aber es gab keine Aufforderung. Die ganze Aktion dauerte für uns vier bis sechs Stunden. Unter uns waren einige, die nicht rechtzeitig zur Arbeit kamen.

Ich bin nach wie vor traurig, daß die Kasernen nun irgendwelchen Null-Acht-Fünfzehn-Bauten weichen sollen.

H. M., 62 Jahre, Bewohnerin des Vauban
aufgenommen am 13.1.2004, ca. 15:00 Uhr
eRichLutz
Großmeister ;-)
15.01.2004
Transport in einer dunklen Metallkiste, und das nur zur Feststellung der Personalien, die zu erheben eigentlich kein Grund vorliegt - sicher ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Das ist ein Fall für amnesty international.
ande
Administrator
15.01.2004
Vor allem ist die Räumung ohne Vorankündigung nicht rechtens.

Ich denke, ich werde mich dann selbst anzeigen, denn ohne eine Aufforderung auszusprechen, das Grundstück zu verlassen, hätten sie mich auch verhaften müssen, wenn sie zufällig zu einem anderen Termin vorbeigekommen wären. Und als aufrechter Bürger muß man ja den Behörden bei ihren Ermittlungen helfen.

Sie haben ja überhaupt nicht informiert, aufgrund welcher Anzeige sie räumen, weder Durchsage, noch Zettel oder Schilder.

Außerdem: Kann man zum Beispiel wegen Sachbeschädigung verurteilt werden, an Müll? Die Stadt wollte das Haus ja ohnehin abreißen; welchen Schaden macht dann die Besetzung? Der Polizeieinsatz ist der einzig erkennbare Schaden.

-----

Vor dem Gesetz sind ja bekanntlich alle gleich (manche gleicher).

Es würde mich geradezu freuen, durch Selbstanzeige für eine Sache verurteilt zu werden, die ich gar nicht begangen habe, eine Art Gedankenverbrechen.

Ich hätte schon einmal die Chance gehabt, mich vorbestrafen zu lassen, bei einer friedlichen Blockade eine AKW, zeh Jahre später wäre ich rehabilitiert worden, wie auch die Mutlangen-BlockiererInnen.

Damals habe ich was verpaßt!

Es wäre es mir wert, allein die Argumentation der Richter mitzubekommen, völlig egal wie ich verurteilt würde. Und ein Akt der Solidarität wäre es jedenfalls.

Es ist auch interessant, wie jemand bestraft wird, der gelogen hat, im Vergleich zu jemandem, der auf die Lüge hinweist.

[Beitrag vom: 15.01.2004 18:05 geändert durch: ande am: 15.01.2004 18:07]
 
08.02.2012, 16:00 - (0.007s) Spammerfutter Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
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