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Absender Thema: Gedächtnisprotokoll einer Frau bei der Räumung
ande
Administrator
16.01.2004
Dienstag 13. Jan. 2004, Räumung Vauban Haus 053

Um 7.30 waren wir verabredet zum Kaffee trinken vor der Arbeit oder auch dem Morgengrauen, und um den gestrigen Abend auf der SPD-Fraktionssitzung noch einmal revue passieren zu lassen, bei der ein paar Aktive, die ich hauptsächlich an diesem Abend kennerlernte, ein letztes Mal die Chance hatten, ihre Argumente vorzubringen. Wer das "wir" am Morgen letztendlich sein würde, sah man erst vor Ort, und dort erfuhr ich auch gleich vom Scheitern des letzten Aufbegehrens.

Zutiefst frustriert (zumindest ich) standen wir schließlich zu fünft vor dem Haus 053, tranken Kaffee, aßen Honigbrote und Brezeln, die einzelne des wir mitgebracht hatten, im Regen, erst mit einer, dann mit zwei Polizeistreifen im Ansichtsfenster. Philosophierten noch über das was und ob, über das wie und wann, als ich sie plötzlich hinter der Garage hervorrennen sah, im Gleichschritt. Eine Hundertschaft Polizisten (auch wenn es jetzt vielleicht "nur" 80 waren), ausgerüstet in voller Montur, mit Schlagstöcken, Helmen, Stiefeln, Hunden, Taschenlampen und allem Trara. Mit leicht ungutem Magengefühl was uns wohl nun erwarten würde rannte ich ins Haus und schrie was das Zeug hielt "aufstehen, die Polizei ist da ... SIE sind da!" Ich rannte bis ganz nach oben und rüttelte an der Tür, hatte keine Ahnung, wo sich überhaupt jemand befand, entdeckte schließlich einen Raum mit verschlafenen Gesichtern. Rannte wieder runter, um das wir nicht zu verlieren, stellte mich wieder mit meinem Kaffee auf, und so warteten wir, fünf draußen und eine unbekannte aber doch kleine Zahl Leute im Haus. Standen alle verdutzt und überrumpelt, während das Gebäude umstellt wurde und ich noch immer daran dachte, jetzt einfach meinen Becher wegstellen zu können und zur Arbeit zu gehen.

Ich starrte auf das Gitter-Labyrinth vor uns, unfähig mich zu bewegen oder einen Entschluß zu fassen, genau wie das wir, das sich auch nicht rührte, als würde die Zeit für uns stehen bleiben, aber diejenige und derjenigen um uns herum nicht. Sah das Labyrinth schwinden und immer mehr Polizisten auf uns zukommen.

Es war an der Zeit einigen Leuten bescheid zu sagen, doch wie und wem und überhaupt: wer hatte die Nummern? Verzweifelt sprachen wir, die gerade mal im Besitz eines funktionsfähigen Handys waren, auf Mailboxen und Ab´s, in der Hoffnung, die lieben Mitmenschen würden recht bald aufstehen, sie abhören, andere mobilisieren und dem Haus Gesellschaft leisten, ein letztes Mal. Dann endlich ertönte wenigstens die Sirene, ein kurzes aufheulen, bevor sie, warum auch immer, schon wieder verstummte. Vom obersten Balkon links oben in meinem Sichtfeld wurden ob der lauter werdenden Aufregung Photos geschossen. Endlich, es kamen ein paar Solidarische, derweil das wir aufgefordert wurde die Personalien abzugeben. Das ging ja noch, dachte ich mir, also noch kurz warten und dann gehen. Gerangel auf der Straße ließ plötzlich alles andere verstummen, doch es schien nichts ernsthaftes zu sein. Wir brüllten heiser "kei-ne Gewalt!", das machte Lust auf mehr, denn schließlich waren wir schon vor Ort, also mußten wir ihm Beistand leisten, um ihn ging es schließlich, den Ort mit den Häusern darauf, „sozia-les Ge-wi-ssen mit Geld be-schi-ssen". X. lief zu Höchstformen auf und wollte mit einer geballten Ladung haut ab-Verpisse die Bullen vertreiben - Jene ließ das kalt. Inzwischen durften wir uns eh nicht mehr von der Stelle bewegen, weder gefragt, befragt, aufgefordert noch beantwortet.

Naja, lang kann es ja nicht mehr dauern, ist sowieso fast niemand drinnen und großen Wiederstand werden die auch nicht leisten. Dann kann man ja gehen, die Arbeit wartet schließlich schon. Ob das wir das auch so sah? "Rein ins Haus!"
befahl auf einmal eine Stimme, verwirrt sah wir um sich "rein?", "Los rein!" tönte es von allen Seiten - waren die Bullen noch ganz bei Sinnen? Was hatten sie vor? Im Gang des EG standen wir beisammen, ja noch war das gestattet, wir durfte sich unterhalten und austauschen. "Das hier sollte meine Wohnung werden", erklärte X. voller Elan, der abrupt niedergeschmettert wurde, und ein
paar Schritte vornehmen wollend, die forsch unterbunden wurden: "Keiner rührt
sich, ist das KLAR!!!" "Bleiben Sie wo Sie sind!" "Nicht an die Fenster!!"
.... "aber wir wollen doch nur sehen, was da draußen passiert!?"...

Wir sahen grüne Lichter, anscheinend wurden noch ein paar letzte Silvesterüberbleibsel abgefeuert. Sehen konnten wir sie aber nicht mehr, denn wir hatten uns nicht mehr von der Stelle zu bewegen, mitten im dämmrigen Gang, auf der linken Seite des EG, umstellt von Grünlingen die ihrer Arbeit nachgingen, was wir nicht konnten, in ihren "aufgeplusterten" Jacken. Ruck zuck hatte jeder seinen "Gefangenen", das wir wurde zersplittert in w´s i´s und r´s. Jedes w, jedes i und jedes r bekamen gleich zwei bis drei von der Sorte Grünling, dabei waren wir doch so zurückhaltend gewesen. Die Taschenlampe blitzte auf und stach mir in die Augen, "Du, bist die Nächste!". Phototermin und Leibesvisitation. Jeder in einen extra Raum, jeder mit seinem Anhang. Rucksack runter, Jacke aus, Pulli aus, Schuhe aus, Taschen leeren (ein Schlüsselbund, ein Labello und der Perso, meine "persönlichen" Dinge, wurden in eine Plastiktüte gesteckt) ...

"haben Sie noch etwas Spitzes bei sich?" "Haben Sie Spritzen?" Ich verstand das immer wieder, verhörte ich mich nur, weil ich verwirrt war, oder fragte sie das wirklich? Sehe ich aus wie ein Junkie? Anschließend in den Nebenraum, an die Wand stellen mit der Polizistin daneben, ein kurzer Blitz und ich wurde vorerst wieder ins wir entlassen. Vorher, noch mal Personalienaufnahme. So jetzt aber, können wir jetzt gehen? Immer nur rumstehen und warten, warten auf was? Dann hieß es Kommando raus und zum Polizeirevier Süd. Zum Polizeirevier?

Wozu das denn jetzt noch? "Sie werden vernommen und zum Tathergang befragt." (oder so ähnlich). Das wir schien Routine zu besitzen, Zuckte kaum mit der Wimper. Oder war auch überrumpelt? Nach und nach also raus mit dem Anhang oder der Anhang mit dem Anhänger. Draußen Jubel, ein kleiner Haufen stand abgeschottet hinter einem Bauzaun, trottend wurde ich von den Grünlingen vorangetrieben - doch halt! Mein Fahrrad - mein treuer Gefährte in allen Lebenslagen - ich mußte es abschließen, wenigstens das, wenn ich es schon nicht aus der Räumungszone entfernen konnte. Die Polizistinnen erwiesen sich als gnädig, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Jetzt aber hurtig in den Wagen, beide verschwanden daraufhin in der Menge der Grünlinge und übergaben mich dem anderen Geschlecht.

Y. wurde ebenfalls herbeigeführt und kam zu mir in den Einsatzwagen. Vor uns Gewühle und ein anderer Einsatzwagen, aufgrund einiger Sitzblockaden nicht weiterkommend, wieder warten, einige laute Töne, Fernsehteams und Photographen.

Jetzt waren sie auch da. Leute wurden weggetragen. Ich sah B. mit seiner Videokamera, er lief an unserem Schaufenster vorbei, ich hämmerte dagegen. Dann fuhren wir rückwärts, wieder auf den Grasstreifen neben dem Parkhaus, vorerst kein Durchkommen, aber warten. Die Polizisten in unserem Wagen hatten wohl unser Gequatsche satt, sie schlossen die Scheibe zum hinteren Teil. Plötzlich kamen andere, schlossen die Tür auf und sagten uns wir sollen ihnen folgen, nach hinten zu einem anderen Wagen, dann ginge es schneller, und bitte schleichen, damit es die "anderen" nicht mitbekämen! Dann ging es ganz schnell. "Da rein!" und schwups war die Türe zu. Doch Hilfe, was war das? Eingepfercht zu zweit in einer ca. 2 qm großen niedrigen Kabine, ohne Fenster und nur mit Schummerlicht? Ich redete anscheinend wirr, denn Y. befahl mir forsch still zu sein. Ich dachte ich ersticke, obwohl das natürlich nicht der Fall war, es war nur so beengend und beängstigend in diesem Kasten, in diesem Transporter oder was es auch immer war. Wahrscheinlich für Schwerverbrecher oder wer dürfte überhaupt in so ein Ding gesteckt werden? Y. und ich schrieen gemeinsam bis die Tür sich öffnete und verlangten in einem anderen Wagen auf das Revier fahren zu können, da wir in diesem Panik bekämen. Die Polizisten drückten uns aber wieder zurück und so brüllten wir verzweifelt, bitte laßt uns woanders mitfahren. Y. schrie, sie hätte Klaustrophobie. Die Polizisten blieben steinhart und quetschten sich gegen uns, die raus wollten. Dann wurden sie rabiat, einer "schmiß" mich in die Kabine zurück, schmetterte die Tür zu, schrie zurück "jetzt reicht's aber!" und ließ das Schloß einrasten. Y., die mehr draußen als drin gesteckt hatte, wurde an den Transporter gedrückt, als sie aus meinem Sichtfeld verschwand. Panisch, nun auch noch allein in dieser Kammer zu hocken brüllte ich weiter "laßt mich raus!", was völlig sinnlos war. Im Wirrwarr des Geschehens und entsetzt über dieses Verhalten lagen meine Nerven brach. Hätten wir heute morgen damit gerechnet? Dabei wollten wir doch nur Kaffeetrinken. Auf der Wache angekommen, nach einer schüttelreichen Fahrt mit unvorhersehbaren Bremsungen, die ich lieber aus meinem Gedächtnis streichen möchte, traf ich immerhin wieder auf Teile des wir, die nach und nach ein Ganzes ergaben.

Dann begann die deutsche Bürokratie erneut zuzuschlagen, indem die Personalien noch zum 100sten Mal, diesmal von der Kriminalpolizei höchstpersönlich, aufgenommen wurden, wir erst nach und nach in einer "offenen" (weil mit Gitterstäben) Gemeinschaftszelle gelagert wurden, dann wieder einzeln herausgeholt wurden, ich durch die Gänge der Polizeistation geführt wurde, in einen Büroraum kam, wieder ein Personalbogen ausgefüllt wurde, die Befragung stattfand, die gleichermaßen nicht stattfand, da man und auch wir-frau die Aussage im für sich besten Fall verweigerte. "Ihre Eltern - Vor- und Zuname?" "Wozu brauchen Sie die denn? Ich bin doch Volljährig! Muß ich die angeben?" Genervte Antwort "Nein, dann schreibe ich eben hin, keine Angabe." Aha, schön daß ich das auch erfuhr.

Anschließend gings zur PED (= Personen Erkenntnis Datei - man lernt nie aus), also eine erkennungsdienliche Maßnahme, bei der meines Erachtens nach, vier Photos von Kopf seitlich bis Ganzkörper mit Zahlenschild (ich war irgendwie Nr. [geschwärzt]) gemacht wurden, die Größe gemessen wurde, die Augenfarbe überprüft wurde (?, weil sie steht ja immerhin auch im Perso) und Fingerabdrücke genommen wurden. Von beiden Händen alle Finger zweimal, dann noch mal jeder Daumen, noch mal beide Zeigefinger, dann die vier Finger ohne Daumen von beiden Händen und dann noch mal jeweils die ganze Hand mit Handfläche, dann sah man nur noch schwarz. Wieder zurück in den "Kellergang" vom Anfang, erneute Kontrolle des Papierkrams, ich mußte so dringend auf's Klo, daß ich einfach ins gegenüberliegende Frauenklo verschwand, wohl unbemerkt, denn zwei Sekunden später wurde schon nach mir gesucht und eine Polizeibeamtin wartete dann im Klo auf mich. Danach ging es erneut in eine Zelle, diesmal in eine andere kleinere "geschlossene" mit "Klo"-loch im Boden. Ich stieß auf das wir-Y., die ebenfalls die Schuhe hatte ausziehen müssen, da ja die Gefahr bestand, daß wir uns erhängen würden.

Die Rucksäcke, Jacken und Taschen fristeten derweil im Gang ihr Dasein. Schließlich und zuguterletzt bekamen wir noch von einer weiteren Hausfriedensbrecherin Gesellschaft. Immerhin gab es jetzt so freundliche Beamte, die uns auf Aufforderung Wasser brachten und einen "Anwalt" anrufen
ließen. Nach weiterem Ausharren in der Zelle, wurden wir schließlich herausgeführt, um noch einmal die Angabenprüfung über uns ergehen zu lassen. Dann wurden wir endlich zum Ausgang begleitet. Es war ca. 12.00 Uhr. Zum Schluß - warten auf wir und die Anderen. Ein Z. und W. befanden sich da schon auf dem Heimweg.

Wir, das waren wir fünf, die wir uns noch nicht oder kaum kannten, wir mit dem gleichen Schicksal im Morgengrauen, mit 20 weiteren Personen des Hausfriedensbruches beschuldigt, der Verbundenheit von drei Häusern und zwei Tagen im Januar.

[Auf Wunsch der Zeugin ohne Namen. Name ist der Redaktion bekannt]
 
07.02.2012, 12:46 - (0.009s) Spammerfutter Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
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