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Absender Thema: Der Abriss hat begonnen
Christof Fischer
07.08.2005
Im neuesten Vauban Actuell soll ein Artikel über Entstehung und Demolierung von drei5viertel erscheinen. Leider ist, da das Thema schon zu genüge in den Zeitungen war, der Artikel nicht angemessen kurz geworden.

Wer trotzdem die ausführliche Fassung lesen möchte:

http://drei5viertel.vauban.de/docs/Abriss_hat_begonnen.pdf


[Beitrag vom: 01.02.2004 21:38 geändert durch: ande am: 07.08.2005 19:59]
ande
Administrator
02.02.2004
Oder hier als Nur-Text:

Der Abriss hat begonnen

Der Abriss hat begonnen, bald wird dort, wo jetzt noch die ehemaligen Kasernengebäude 53, 62 und 61 stehen, nur noch wüstes Baugelände sein. Doch das, was hier in Trümmer zerschlagen wird, ist mehr als der Abriss dreier Kasernen, deren Erhalt dem Wohnviertel Vauban - zumindest nach Meinung der Autoren dieser Zeilen - sicher mehr Reiz verliehen hätte, als eine Fortsetzung der schon zu genüge vorhandenen Neubauriegel.

Was hier zertrümmert wird, ist ein wertvolles Projekt, das bezahlbaren Wohnraum geschaffen hätte, ein Miteinander von jung und alt, von Behinderten und Nichtbehinderten zum Ziel hatte und ökologisch nachhaltig die vorhandene Bausubstanz genutzt hätte. Die Umstände, wie es zur Abrissentscheidung kam, waren höchst zweifelhaft und sicher dazu geeignet, das Vertrauen in politische Entscheidungsprozesse in Frage zu stellen.

Doch zunächst einen kurzen chronologischen Abriss:

Am 25. August 1992 verlassen die französischen Streitkräfte Freiburg. Fünf Kasernengebäude werden für zehn Jahre von der Bezirksstelle für Asyl angemietet. 1996 beschließt der Gemeinderat, dass die fünf Gebäude nach Auszug der Bezirksstelle im Jahr 2002 abgerissen werden sollen.

2002 finden sich einige Menschen und Gruppen zusammen, welche die Häuser 49, 50, 53, 62 und 61 gerne erhalten würden. Drei von fünf Kasernen im Viertel sollen durch die Genossenschaft mit dem klangvollen Namen drei5viertel erhalten bleiben (um Haus 50 bemüht sich die heutige Komanditgesellschaft Diva zur gewerblichen Nutzung, Haus 49 sollte zum Rasthaus werden, wurde aber aufgrund eines Gemeinderatsbeschluss 2002 abgerissen).

Drei5viertel erarbeitet ein Konzept, in welchem erschwinglicher Wohnraum, Barrierefreiheit und eine nachhaltige, ökologische Bauweise als vorrangige Ziele enthalten sind.

Die Realisierung ruhte auf drei Säulen:

1. Von den Mitgliedern (Käuferinnen und Mieterinnen) wird ein hohes Maß an Eigeninitiative und -engagement erwartet (sowohl bei Organisation der Genossenschaft, als auch dem Ausbau der Wohnungen).

2. Förderkredite des sozialen Mietwohnungsbau (OS-10)

3. Verkauf von Eigentumswohnungen und langfristige, zinslose Kredite an die Genossenschaft durch die KäuferInnen zur Mitfinanzierung des Mietwohnraums.

Am 24. September 2002 entscheidet sich der Gemeinderat, dass drei5viertel eine Chance bekommen soll und setzt der Genossenschaft eine Frist für den Finanzierungsnachweis bis zum 31. Mai 2003. Der Kaufpreis sollte ca. 415,- pro qm betragen. Dass diese Frist für ein Projekt mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von ca. 7 Mio Euro zu knapp war, dürfte allen Beteiligten bewusst gewesen sein.

Die Frist wird durch den Gemeinderat am 27. Mai 2003 nach kräftezehrender politischer Arbeit auf den 31. Dezember 2003 verlängert.

Im Sommer wird drei5viertel in das Wohnbauförderungsprogramm für sozialen Mietwohnungsbau aufgenommen. Das vorgesehene Förderdarlehen sollte ca. 2,2 Mio Euro betragen.

Im Laufe des Jahres 2003 wurde jedoch auch ausgiebig darüber diskutiert, ob die Eigenheimzulage durch den Staat gestrichen werden sollte. Zudem lief die Landesförderung durch LaKrA Mittel schon im September aus und es war bis Ende des Jahres nicht klar, ob dieses Programm neu aufgelegt würde. Potenzielle WohnungskäuferInnen waren durch diese Situation verunsichert, die Vermarktung der Wohnungen in den Häusern 062 und 053 verlief dadurch schleppend.

Die Nachfrage nach Mietwohnungen ware jedoch, trotz der hohen Eigenleistung und einer Genossenschaftseinlage von 30 Anteilen, so hoch, dass Wartelisten angelegt werden mussten.


Im September 2003 war klar, dass der Grundstückspreis ohne zumindest die teilweise Verrechnung eingesparter Abrisskosten (auf ca. 1 Mio Euro geschätzt) viel zu hoch war. Die Stadt war jedoch nicht bereit, diesen Preis zu reduzieren. Nach Verhandlungen machte die Stadt im Oktober immerhin den Vorschlag, die Grundstücksflächen zu reduzieren und im November kam von der Stadt dann das Signal, dass drei5viertel mit zwei statt mit drei Häusern weitermachen soll.

Ende November hatte die Genossenschaft ihre ursprünglichen Pläne auf die veränderten Rahmenbedingungen angepasst. Für 13 der 16 Wohnungen in Haus 062 waren KäuferInnen gefunden. Die verbliebene Zeit von ca. einem Monat reichte jedoch nicht mehr aus, die Baupläne anzupassen und auf deren Grundlage den entgültigen Finanzierungsnachweis einer jeden Käuferpartei zu erbringen. Auch die endgültige Mietwohnungsbauförderung musste den veränderten Bedingungen angepasst werden. Drei5viertel beantragte deshalb eine nochmalige Fristverlängerung für den Finanzierungsnachweis auf Ende Mai 2004. Bekanntermaßen wurde dieser Antrag am 9.12.2003 durch den Gemeinderat abgelehnt. Wie dieses Abstimmungergebnis zustandekam, war ein Zeugnis dafür, wie durch die Verwaltung der Stadt Freiburg Politik in eigener Sache betrieben wird. Im Zweifelsfall auch mit unwahren Behauptungen vor dem Gemeinderat.

Baubürgermeister Schmelas gelingt es innerhalb weniger Tage die Abrisskosten von ca. 300 000 Euro pro Gebäude auf 200 000 Euro pro Gebäude zu senken. Wie dies, nachdem genügend Erfahrungen mit anderen Kasernengebäuden auf dem Vauban bestanden, sein kann, ist noch ungeklärt. Auch seine Bedenken bzgl. einer nicht zu verantwortenden Belastung des Treuhandkontos Vauban durch Zinsverlust im Falle einer Fristverlängerung können angesichts der Summen, die diesem Konto bisher durch Fehlplanungen seitens der Stadt verlorengingen (brachliegende Grundstücke, Schulerweiterungsbau) und der nun viel langwierigeren Einzelvermarktung des Grundstücks nicht nachvollzogen werden. Für alle vollkommen überraschend behauptet Herr Schmelas dann in der Gemeinderatssitzung selbst, die Stadt solle eine Bürgschaft von 1,1 Mio Euro übernehmen, was von drei5viertel so nie gefordert wurde.

Diese Behauptung gibt bei der Abstimmung vermutlich den Ausschlag gegen den Erhalt der Kasernen.

Drei5viertel hatte im November auf dem Treuhandkonto mehr als 400 000,- Euro an Genossenschftsanteilen. Um den Anlegern bei drei5viertel den Anspruch auf genossenschftliche Wohnbauförderung zu ermöglichen wurde der Großteil diesers Geldes nun an die Genova übertragen, das Treuhandkonto aufgelöst.

Was lernen wir aus dem ''Projekt drei5viertel'?

* Trotz des ehrenamtlichen, unbezahlten Engagements wurde die Genossenschaft teilweise schlechter gestellt als professionelle Bauträger oder die Stadtverwaltung selbst (Die Finanzierung der Solarsiedlung zog sich über vier Jahre; für das Grundstück Wiesental-/ Merzhauser-Straße, wo die Häuser 7 und 8 bereits vor sechs Jahren abgerissen wurden, konnte bis heute kein Investor gefunden werden).

* Knappe Fristen, welche immer wieder eine Verlängerung brauchen, kosten ehrenamtlich geführten Organisationen wie drei5viertel immens Kraft und Zeit. Hätte drei5viertel im Mai 2003 aber auf eine längere Frist gepocht, wäre das damals schon das Aus gewesen.

* Von Seiten der Stadtverwaltung selbst gab es kein Interesse, eine Lösung für den Erhalt der Häuser zu finden. Projekte von dieser Größenordnung und mit diesem Anspruch brauchen aber sowohl die Zustimmung der Politik als auch die Unterstützung durch die maßgebliche, ebenfalls politisch agierende, Verwaltung.

Der Stadtteil Vauban als lebenswertes Viertel, auch ohne drei5viertel, hat sich nicht mit sondern trotz der Politik der Stadtverwaltung durch die Initiative seiner Bewohner- und Bewohnerinnen als solcher entwickelt. (Autoreduzierung, Haus 37, Marktplatz, DIVA, SUSI...).

Daran hat sich, trotz anderslautender Wahlversprechen, auch unter einem grünen Oberbürgermeister nichts geändert. Schade eigentlich.

Wir von drei5viertel können allerdings nur ein paar Tränen über den Verlust eines knapp verfehlten Traumes vergießen, einmal tief durchatmen, über selbst gemachte Fehler nachdenken und uns über das scheinheilige Engagements manchen Lokalpolitikers wundern, der innerhalb von wenigen Tagen im alten Jahr noch einen 'Ersatzinvestor für sozialen Wohnungsbau' aus dem Hut zaubern wollte, nachdem er im Gemeinderat gegen eine Fristverlängerung für drei5viertel stimmte.

Freiburg, 29.01.2004

Almut und Christof


[Beitrag vom: 02.02.2004 11:59 geändert durch: ande am: 02.02.2004 12:00]
 
07.02.2012, 13:05 - (0.008s) Spammerfutter Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
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