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Absender Thema: Sinnloser Abriss – Drei5Viertel gescheitert (Vauban actuel 1-2004/12. Februar)
Carsten Sperling
Experte
04.07.2004
Der Abriss hat begonnen, bald wird dort, wo jetzt noch die ehemaligen Kasernengebäude 53, 62 und 61 stehen, nur noch wüstes Baugelände sein.

Doch das, was hier zerschlagen wird, ist mehr als der Abriss dreier Kasernen, deren Erhalt dem Wohnviertel Vauban vermutlich mehr Reiz verliehen hätte als eine Fortsetzung der schon zu genüge vorhandenen Neubauriegel. Was hier zertrümmert wird, ist ein wertvolles Projekt, das bezahlbaren Wohnraum geschaffen hätte, das ein Miteinander von jung und alt, von Behinderten und Nichtbehinderten zum Ziel hatte und ökologisch nachhaltig die vorhandene Bausubstanz genutzt hätte. Die Umstände, wie es zur Abrissentscheidung kam, waren höchst zweifelhaft und sicher dazu geeignet, das Vertrauen in politische Entscheidungsprozesse in Frage zu stellen.

Chronologie der Ereignisse

1996 beschließt der Gemeinderat, dass die Kasernen 49,50,53,62 und 61 nach Auszug der Bezirksstelle für Asyl im Jahr 2002 abgerissen werden sollen. 2002 finden sich einige Menschen und Gruppen zusammen, um die Häuser zu erhalten. Für drei der Kasernen erarbeitet die Genossenschaft drei5viertel ein Konzept, in welchem erschwinglicher Wohnraum, Barrierefreiheit und nachhaltige, ökologische Bauweise als vorrangige Ziele enthalten sind. Auch eine Wohngruppe für demenzkranke ältere Menschen ist geplant.
Die Realisierung ruht auf drei Säulen:

1. Hohe Eigeninitiative von den Mitgliedernn(Käuferinnen und Mieterinnen)
2. Förderkredite des sozialen Mietwohnungsbaus (OS-10)
3. Wohnungsverkauf, langfristige zinslose Kredite, Genossenschaftseinlagen (s. http://www.drei5viertel.de ).

Am 24. September 2002 entscheidet der Gemeinderat, dass drei5viertel eine Chance bekommen soll und setzt der Genossenschaft eine Frist für den Finanzierungsnachweis bis zum 31. Mai 2003. Dass diese Frist für ein Projekt mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von ca. 7 Mio. Euro zu knapp war, dürfte allen bewusst gewesen sein.
Die Frist wird durch den Gemeinderat am 27. Mai 2003 nach kräftezehrender politischer Arbeit auf den 31. Dezember 2003 verlängert. Im Sommer wird drei5viertel in das Wohnbauförderungsprogramm für sozialen Mietwohnungsbau des Landes Baden Württemberg aufgenommen. Das vorgesehene Förderdarlehen soll ca. 2,2 Mio. Euro betragen. Das gibt Aufschwung, gleichzeitig bremst jedoch die Diskussion um LaKrA-Fördermittel und Eigenheimzulage die Vermarktung der Wohnungen in den Häusern 62 und 53, kann doch kein Baubeginn im selben Jahr in Aussicht gestellt werden.

Zwei statt Drei5viertel?

Im September 2003 wird klar, dass der Grundstückspreis einfach zu hoch ist. Die Stadt weigert sich dennoch, die gesparten Abrisskosten (ca. 1 Mio. Euro) auch nur teilweise auf den Preis anzurechnen. Nach Verhandlungen kommt aber im Oktober der Vorschlag, die Grundstücksflächen zu reduzieren und im November erhält die Genossenschaft das Signal, dass drei5viertel mit zwei statt mit drei Häusern weitermachen soll.

Ende November hat sich drei5viertel auf die veränderten Rahmenbedingungen eingestellt. Für 13 der 16 Wohnungen in Haus 62 sind KäuferInnen gefunden (Haus 61 als Mietshaus ist von Beginn an -trotz hoher Eigenleistungsforderung und einer Genossenschaftseinlage von 30 Anteilen- voll belegt). Die verbliebene Zeit von ca. einem Monat reicht jedoch nicht mehr aus, die Baupläne anzupassen und auf deren Grundlage den endgültigen Finanzierungsnachweis einer jeden Käuferpartei zu erbringen. Auch die Mietwohnungsbauförderung muss den veränderten Bedingungen angepasst werden. Drei5viertel beantragt deshalb eine nochmalige Fristverlängerung für den Finanzierungsnachweis bis Ende Mai 2004. Bekanntermaßen wurde dieser Antrag am 9.12.2003 durch den Gemeinderat abgelehnt. Das Zustandekommen dieses Abstimmungsergebnisses ist ein Zeugnis dafür, wie durch die Verwaltung der Stadt Freiburg notfalls auch mit zweifelhaften Mitteln Einfluss auf die Politik genommen wird (z.B. plötzliche Senkung der Abrisskosten um 100.000 Euro pro Gebäude etc., hierüber wurde ausführlich berichtet). Die Behauptung von BM Schmelas, die Stadt solle 1,1 Mio Euro Bürgschaft übernehmen, gibt bei der Abstimmung vermutlich den Ausschlag gegen den Erhalt der Kasernen.

Resümee

Was lernen wir aus dem ‘’Projekt drei5viertel’? Trotz des ehrenamtlichen, unbezahlten Engagements wurde die Genossenschaft teilweise schlechter gestellt als professionelle Bauträger oder die Stadtverwaltung selbst (die Finanzierung der Solarsiedlung zog sich über vier Jahre; für das Grundstück Wiesental-/ Merzhauser Straße, wo die Häuser 7 und 8 bereits vor sechs Jahren abgerissen wurden, konnte bis heute kein Investor gefunden werden).

Knappe Fristen, welche immer wieder eine Verlängerung brauchen, kosten ehren-amtlich geführten Organisationen wie drei5viertel immens Kraft und Zeit. Hätte drei5viertel jedoch bereits im Mai 2003 auf eine längere Frist gepocht, wäre das damals schon das Aus gewesen. Von Seiten der Stadtverwaltung selbst gab es kein Interesse, eine Lösung für den Erhalt der Häuser zu finden. Projekte dieser Größenordnung und mit diesem Anspruch brauchen aber sowohl die Zustimmung der Politik als auch die Unterstützung durch die maßgebliche, ebenfalls politisch agierende Verwaltung.

Der Stadtteil Vauban als lebenswertes Viertel, auch ohne drei5viertel, hat sich nicht mit, sondern trotz der Politik der Stadtverwaltung durch die Initiative seiner Bewohner- und Bewohnerinnen als solcher entwickelt (Autoreduzierung, Haus 37, Marktplatz, DIVA, SUSI...). Daran hat sich, trotz anders lautender Wahlversprechen, auch unter einem grünen Oberbürgermeister nichts geändert. Schade eigentlich.

Almut Brück-Assan, Christof Fischer
(red. leicht bearbeitet und gekürzt)

[Beitrag vom: 04.07.2004 16:27 geändert durch: Carsten Sperling am: 04.07.2004 16:28]
 
08.02.2012, 23:14 - (0.007s) Spammerfutter Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
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