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Absender Thema: BZ: Leserbriefe zur Zwangsräumung der Familie
ande
Administrator
04.05.2009
Badische Zeitung vom Mittwoch, 30. November 2005

RÄUMUNG IM VAUBAN

Eine Familie mit fünf Kindern musste ihre Wohnung im Stadtteil Vauban räumen („LEG lässt Familie im Vauban zwangsräumen“, BZ vom 23. November ).

„Integration ist gefährdet“

Wir sind seit fünf Jahren direkte (!) Nachbarn der aus dem Vauban zwangsgeräumten Familie. Unser Sohn geht mit einem der Kinder in die Schule. Wir sind entsetzt über das Verhalten der LEG, anderer Nachbarn, des Jugendamtes und über die öffentliche Bloßstellung der Kinder durch die Berichterstattung der BZ.

Keines der Probleme ist gelöst, vielmehr sind die Kinder traumatisiert, entwurzelt und ihre bisher gelungene Integration in Kindergarten und Schule ist gefährdet. Aber das bürgerliche Ruhebedürfnis und das scheinbare Vauban-Ideal- Familien-Bild haben gesiegt. Andere gesellschaftliche Realitäten gehören abgeschoben. Man hat höhere Rechte.

Aus eigener langjähriger Erfahrung wissen wir, dass die betroffene Familie unter ganz anderen Bedingungen ihr Leben meistert, als der grün-alternative Vauban-Durchschnitt. Der übrigens nicht seltener, aber politisch korrekt, seine Kinder/Jugendliche unbeaufsichtigt durch die verkehrsberuhigten Straßen ziehen lässt. Mit dem kleinen Unterschied, dass Kinder etablierterer Familien nicht so unter die Lupe genommen und an den Pranger gestellt werden. Dafür gibt es dann „runde Tische“ und viel Verständnis.

Wir sind fassungslos über die Naivität der BZ, die mit der Veröffentlichung des Fotos der Kinder ihren Bericht „illustrieren“ wollte. Man fragt sich, warum sie nicht das Foto eines der „im Hintergrund“ Beteiligten (Richter, LEG-Mitarbeiter, Zwangsvollstrecker, Sozialarbeiter etc.) zur Illustration abgelichtet hat, sondern die Schwächsten in der Reihe – die Kinder.

Wir sind beschämt über die Vertreibung der Familie, die auch das Jugendamt toleriert hat, obwohl im darauf folgenden BZ-Interview viele warme Worte über das „Kindeswohl“ verbreitet wurden. Wir fordern die Stadt auf, eine adäquate Ersatzwohnung in der Nähe von Schule und Kindergarten zu stellen und die erzwungene Wohnungslosigkeit der Familie schnellstens zu beenden.

Ermutigend ist die solidarische Reaktion einiger fassungsloser Nachbarn, die der siebenköpfigen Familie ab dem Tag der Zwangsräumung durch Gesten und direkte Unterstützung helfen, deren unzumutbare Lage etwas erträglicher zu machen.

S. K ö s e l,
C. M u ñ o z G o n z a l e z, Freiburg

„Haben Kinder keine Rechte?“

Fassungslosigkeit, Entsetzen und Empörung in der Elternschaft und Lehrerschaft der Karoline-Kaspar-Schule, weil zwei Kinder unserer Schule abgelichtet wurden während der Zwangsräumung ihrer Wohnung. Das Foto, ein „Aufreißer“ zum passenden Artikel, stellt die Kinder bloß, beschämt sie und erreicht eine soziale Isolation. Haben Kinder keine Persönlichkeitsrechte?
B. B o s c h, Freiburg

„Wo bleibt die Sensibilität?“

Mit Entsetzen habe ich das zugehörige Bild zu Ihrem Artikel über die Zwangsräumung der Familie im Vauban gesehen. Über den Inhalt des Artikels kann man geteilter Meinung sein. Was jedoch das Foto mit der Abbildung der betroffenen Kinder betrifft, sehe ich als journalistische Fehlleistung an. Für die Kinder ist das Verlassen ihrer vertrauten Umgebung und ihrer KameradInnen schon belastend genug. Dass sie nun auch noch durch die Abbildung in der Zeitung öffentlich zur Schau gestellt werden, ist für mich eine Unvorstellbarkeit. Ist Ihnen bewusst, was Sie damit den Kindern angetan haben und welcher Spießrutenlauf der heutige Unterrichtstag für die Kinder war? Als Klassenlehrerin eines der abgebildeten Kinder war es heute meine Aufgabe, in der Schule diese Situation aufzufangen und aufzuarbeiten. Wo bleibt hier die journalistische Sensibilität gegenüber Kindern, die für diese Situation sicherlich zuletzt verantwortlich sind?

G. D o d e r e r,
Klassenlehrerin der Klasse 3b, Karoline-Kaspar-Schule, Freiburg

„Leidtragende sind die Kinder“

[Leserbrief auf Wunsch der Autorinnen gelöscht]

„Vorgehen ist unmenschlich“

Über die Zwangsräumung der siebenköpfigen Familie im Vauban sind wir als Anwohnerinnen in diesem Stadtteil entsetzt! Bei allem Verständnis für das Bedürfnis nach Ruhe der Nachbarn – wie kann man allen Ernstes eine ganze Familie auf die Straße setzen!

Es ist sehr erstaunlich, wie sich hier eine Wohnbaugesellschaft und BewohnerInnen eines angeblich sozial-ökologischen Modellstadtteils verhalten. Wo bleibt die Toleranz und Rücksichtnahme, die es braucht, um in einem dicht besiedelten kinderreichen Wohngebiet in sozialem Frieden miteinander zu leben? Jeder hat bis zu einem gewissen Grad die Freiheit, seine Wohngegend selbst zu bestimmen.

Für eine siebenköpfige Familie mit ökonomischen Problemen ist es in unserer Gesellschaft äußerst schwierig, angemessenen Wohnraum zu finden. Wenn jemand in den Stadtteil Vauban zieht, muss er damit leben können, dass es viele Kinder und damit verbundene Störungen gibt.

Fast alle Kinder durchlaufen Phasen des Zündelns und kein Elternteil kann garantieren, dass ihre Kinder nicht beim Spielen etwas in Brand setzen. Auch wenn wir verstehen können, dass die Nachbarn aufgrund dieser Vorkommnisse besorgt sind, finden wir das Vorgehen unsozial und unmenschlich.

Sehr ungut fanden wir leider auch die Berichterstattung. Mit großformatigem Bild der Kinder ist nicht der gebotene Schutz der betroffenen Personen gegeben. Möchten Sie selbst eines Tages in einer sozialen Krise Ihre Kinder beim Ausräumen Ihrer Wohnung in der Zeitung abgelichtet finden?

U. G ö b e l, Freiburg

„Normal laut und normal umtriebig“

Ich nehme Bezug auf die beiden Artikel der BZ vom 23. und 24. November. Es geht um die siebenköpfige Familie, die aus der Wohnung im Vauban ausgewiesen wurde. In beiden Artikeln versucht die BZ durch Nennung der Fakten ein objektives Bild von dieser Familie und von den Beweggründen für diese Zwangsräumung zu geben.

Leider scheint mir das als Nachbarin der Familie nicht sehr gelungen und ich möchte meine Sicht der Situation folgendermaßen wiedergeben. Es handelt sich hier um keine asoziale Familie, sondern nur um eine große Familie mit fünf Kindern, die normal laut und normal umtriebig ist. Die Kinder verhalten sich auffallend friedlich und die Eltern sorgen sich trotz wirtschaftlicher Anspannung und Belastung sehr um ihre Kinder. Das bestätigte mir auch ohne Anfrage die entsetzte Kindergärtnerin, als ich die zwei Jüngsten am Morgen der Zwangsräumung in den Kindergarten brachte.

Das angebliche „Verschulden“ und das „unmögliche Verhalten“ der Familie sind in meinen Augen Bagatellen und stehen in keinem Verhältnis zu der Verurteilung und Vorgehensweise, die hier von der LEG, der Richterin und der Stadt Freiburg als Vollstreckerin praktiziert wurde. Mag sein, dass die zeitweise überforderte Mutter im einen oder anderen Fall gegenüber den ewig nörgelnden Nachbarn und der ständig einseitig abmahnenden LEG falsch oder zu gereizt reagiert hat, aber was muss die Richterin für eine Frau sein, dass sie dieses kinderfeindliche und menschenverachtende Urteil gegen di e Familie und gegen die Zukunft der Kinder zu Gunsten einer gewinnorientierten Wohnbaugesellschaft fällte?

Denn nur mit diesem Urteil ist die mobbende Nachbarschaft und die auf Ruhe und Ordnung bedachte LEG zu ihrem Ziel gekommen. Einen solchen vernichtenden Schlag gegen die Familie zu führen, zeigt unglaubliche Herzlosigkeit vor allem den Kindern gegenüber.

Auch der fehlende Schallschutz in den Wohnungstrennwänden trägt zu den Schwierigkeiten unter den Bewohnern bei. Das aber will die LEG nicht wahrhaben. Ist das nicht der Hohn! Eher straft sie unliebsame Bewohner bei auftretenden Schwierigkeiten ab, als dass sie sich ihre eigenen Bausünden eingestehen will.

Aus der Katastrophe, in der die Familie jetzt steckt, kommt sie ohne fremde Hilfe nicht mehr raus. Man kann nur hoffen, dass die Stadt Freiburg bald eine geeignete Sozialwohnung findet, mit der die Kinder in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können.

S. D a i b e r, Freiburg

Quelle: http://www.badische-zeitung.de

[Beitrag vom: 30.04.2009 07:02 geändert durch: ande am: 04.05.2009 11:35]
 
04.02.2012, 03:59 - (0.008s) Spammerfutter Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
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