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Absender Thema: Straßenbahnunfall
groelli1
Experte
11.08.2009
So tragisch und bedauerlich der tödlich verlaufene Straßenbahnunfall von vergangener Woche ist: Mancher, der offenen Auges durchs Vauban geht, mag das für irgendwann mal haben kommen sehen: Das geht 999 Mal gut, aber beim 1000. Mal nicht mehr...: Kinder und Jugendliche, die betont cool die Gleise langtrotten, und für deren Eltern es wohl total uncool wäre, ihre Sprösslinge entsprechend zu erziehen; Personen jeden Alters, die rote Ampeln wg. Straßenbahn ignorieren; oder am Übergang am Limette- Haus: 2 Kids stehen mit ihren Laufrädern an der roten Ampel weit über den dicken weißen Wartestrich hinaus, so dass der Straßenbahnfahrer sich genötigt sieht, die Stelle im Schritttempo zu passieren, und die Eltern stehen seelenruhig daneben.

Der Stadtteilverein schlägt Absperrungen etc. vor: Nach entsprechenden Erfahrungen, dass normale Zäune doch überklettert werden, müssten Zäune also mindestens 1,50 Meter hoch sein, oder ist Stacheldraht wirksamer? Muss jeder zu Glück bzw. wohlverstandenem Eigeninteresse gezwungen werden, noch dazu von Stadtteil- Protagonisten, die bislang nicht im Verdacht standen, staatliche Zwangs- und Bevormundungsmaßnahmen zu fordern. Kann man sich nicht einfach ohne solche Zwänge an die Regeln halten, insb. wenn man der physisch schwächere ist ?

Wer mehr zur realen Freiburg- Welt des Miteinanders von Fußgängern und Straßenbahn erfahren will, empfehle ich eine Straßenbahnfahrt in die Stadt an Schultagen gegen 07:30, auf den vordersten Sitz: Man kann zu der Erkenntnis kommen, dass wahrscheinlichkeitsmäßig eigentlich viel mehr ernsthafte Unfälle passieren müssten...
togo
Experte
12.08.2009
Der Appell an die Eigenverantwortung ist ja nicht von vorneherein falsch, aber schließt das denn umgekehrt das Nachdenken über sinnvolle technische Sicherheitsmaßnahmen aus? Es hat mich schon in den BZ-Kommentaren sehr gewundert, dass sich hier zwei Lager fast ideologisch gegenüberzustehen scheinen. Verantwortungsbewusstes Verkehrsverhalten und sichere Gestaltung der Verkehrswege müssen sich doch ergänzen, um die Zahl der Unfälle so gering wie möglich zu halten - weil wir alle nur Menschen und deshalb weder als Verkehrsteilnehmer noch als Verkehrsplaner perfekt sind.

Mit der Straßenbahn ist ein Verkehrsmittel mit enormer bauartbedingter Betriebsgefahr in ein ansonsten weitgehend entschleunigtes Viertel gekommen - man denke nur an den Bremsweg und die (dank Flüsterschienen) minimale akustische Warnwirkung. Im Vauban dürfen die wenigen Autos nahezu überall nur deutlich langsamer als die Straßenbahn fahren. Kinder wachsen hier gerade nicht mit der alltäglichen Gefahr starken und schnellen Motorverkehrs auf; auch die Erwachsenen gewöhnen sich an Spielstraßenverhältnisse vor der eigenen Haustür. Nun führt die Straßenbahnlinie über weite Strecken an Grünflächen entlang, teils zwischen Grünspangen hindurch. Die Gleise sind weder durch Absperrungen noch auch nur optisch von den benachbarten Grünflächen getrennt, die ihrerseits direkt an Spielstraßen und Fußgängerzonen angrenzen. Mir scheint es offenkundig, dass diese Gesamtkonstellation ein deutlich erhöhtes Unfallrisiko in sich birgt. Warum werden z. B. die Hunde beim Gassigehen entlang der StraBa zwischen Technischem Rathaus und Runzmattenweg von einem Zaun geschützt (Kinder nutzen diese Fläche praktisch nicht, da keine Wohnbebauung daneben liegt) ,die Hunderte Kinder des Vauban aber nicht? Natürlich kann ein Zaun überstiegen werden, aber unaufmerksame Kinder hält bereits ein niedriger Zaun zurück und die Größeren zwingt er zu einem vielleicht lebensrettenden Innehalten. Die davon ausgehende "Bevormundung" hielte ich in Anbetracht der von der StraBa ausgehenden Gefahr für so gut erträglich wie die Einzäunung der ICE-Strecke am westlichen Quartiersrand.

Die unsägliche Ampelschaltung mit der plötzlich rot aufleuchtenden Mittelampel während der Fußgänger/Radfahrer-Grünphase wie bei Allnatura oder am Basler Tor ist eine ebenso offenkundige Unfallgefahr. Nahezu jede Woche erlebe ich, wie Straßenbahnfahrer Radfahrer und Fußgänger nur durch heftiges Klingeln vom Betreten der Gleise abhalten können. Das sind nicht alles Pseudocoole, sondern Verkehrsteilnehmer wie du und ich, die von den beiden grünen Ampeln zum Loslaufen bzw. -fahren animiert werden und dann einen Sekundenbruchteil unaufmerksam sind.

Gut, dass sich der Stadtteilverein dieser beiden Probleme angenommen hat. Möge er bei der VAG mehr Gehör finden als die vergeblichen Briefe und E-Mails besorgter Bürgerinnen und Bürger in den vergangenen Jahren.

Mein tiefes Mitgefühl gilt dem jungen Menschen, der bei dem tragischen Unglück sein Leben ließ und allen mittelbaren Opfern: Allen, die ihm nahe standen, dem Fahrer der Straßenbahn, den Unfallhelfern und denen, die den Unfall miterleben mussten.
eRichLutz
Großmeister ;-)
28.08.2009
Meines Wissens gibt es keine Stellungnahme des Stadtteilvereins Vauban, in der eine Einzäunung der Straßenbahntrasse gefordert wird. Wenn doch, dann sind das vermutlich private Äußerungen einzelner Mitglieder, die in den Medien dann evtl. undifferenziert dem Stadtteilverein zugeschrieben werden.

Es ist sinnvoll, daß hier im Quartier die Diskussion geführt wird, wo gibt es im Verkehrsbereich Defizite und mit welchen Maßnahmen können sie beseitigt, bzw. entschärft werden. Das darf natürlich thematisch von vornherein nicht nur die technische Seite beinhalten, Verkehrspädagogik muß da ein Schlüsselthema sein - meiner Meinung.
groelli1
Experte
31.08.2009
Ich finde es unpassend zu suggerieren, dass die Flüsterschienen der Straba eine Gefahr verursachen; man betritt eben nicht Gleise oder Autostraßen nach Gehör, sondern nach Blick! Es kann ja wohl nicht sein, dass im Modellstadtteil der ÖPNV sich durch Extra- Lärm bemerkbar macht, oder bekommen zukünftige Elektroautos einen Lärmgenerator?

Unlängst meinte ein BZ- Leserbriefschreiber, an den Ampeln solle eine zusätzliche akustische Warnung angebracht werden: Da werden sich die Anwohner, die sich schon jetzt über behaupteten Buslärm aufregen und allen Ernstes den Ausschluss des Busverkehrs vom Paula- Modersson- Platz verlangen, aber freuen... und die Ohrverstöpselten hören es sowieso nicht: bekommen die dann unter Hochspannung stehende Schranken?

Zugegebenermaßen ist die Überquerung der breiten Merzhauser Str. mit drei Fußgängerampeln, die auch "grün - rot - grün" zeigen können, ein gewisses Gefahrenpotenzial; aber was ist die Alternative: Wohl die, dass es "grün" für Fußgänger nur gibt, wenn es an allen 3 Ampeln gleichzeitig und ausreichend lange gilt, was aber nur selten gelten kann bei (gewollter) Straba- Vorrangschaltung, und der relativ langen Überquerungszeit. Folge: Es gibt viel öfter Dauer- Rot für Fußgänger, bitte 1 Mal raten, was das für Auswirkungen auf die Stehenbleib- Disziplin hat...
togo
Experte
01.09.2009
@groelli1: Da gibt es nichts zu "suggerieren": Dass ein Verkehrsmittel um so später bemerkt wird, je weniger es akustisch auffällt, ist doch nicht mehr als logisch. Die Ohren hören schon mit, bevor ich nach links und rechts gucke. Noch nie schon einen Fuß auf die Straße gesetzt und dann erst für das sich geräuschlos nähernde Fahrrad angehalten (eine Situation, die einem mit LKWs kaum passiert)? Niemand verlangt deswegen, die Straßenbahn wieder lauter zu machen. Im Gegenteil, die Flüsterschienen sind fantastisch. Aber es ist doch nicht zu leugnen, dass die Straßenbahn dadurch später wahrgenommen wird. Und mir leuchtet eben nicht ein, dass ausgerechnet im ersten durchgängig mit Flüsterschienen erschlossenen, dichtestbesiedelten und verkehrsberuhigtesten Stadtteil - was alles eine objektive Gefahrerhöhung durch die Tram in sich birgt - auch noch auf die im übrigen Stadtgebiet selbst außerhalb von Wohngebieten üblichen mechanischen Sicherungen - sprich Zäune - vollständig verzichtet wird.

Zu den Dreierampeln: War letzte Woche mal wieder in Basel. Dort gibt es die Dinger auch. Aber: Nach meiner Wahrnehmung sind sie nie grünrotgrün geschaltet, sondern immer durchgehend grün für eine Verkehrsmittelart (Fußgänger, Autos oder Tram). Und das bei vielfachem Verkehrsaufkommen verglichen mit der Merzhauser Str. Auch sonst ist mir die Freiburger Spezialität grünrotgrün für Fußgänger und Radfahrer noch in keiner Großstadt mit Straßenbahn aufgefallen (z. B. München, Stuttgart, Zürich). Scheint also kein unlösbares Problem zu sein.

groelli1
Experte
01.09.2009
@togo: Tatsächlich: Ich bin noch nie blicklos, nur dem Gehör folgend, als Fußgänger in ein Fahrrad / Straba gerannt; als Viel- Fußgänger, Viel- Radfahrer, Viel- Strabafahrgast, und Manchmal- Autofahrer kenne ich die Situation, und blicke daher zuerst, wenn ich den Fußweg verlasse. Ist das zuviel verlangt vom Rest der Welt? Leider haben mich als Radfahrer aber schon öfters "blinde" Fußgänger, die unvermittelt auf die Fahrbahn treten, weil sie nix hören, fast umgerannt; soll ich deswegen immer eine leere Konservendose hinterherziehen?

Es kann ja wohl nicht sein, dass die leisesten Verkehrsmittel das Problem sein sollen, und nicht diejenigen, die trotz des Wissens um ihre physische Unterlegenheit ihr wohlverstandenes Eigeninteresse außer Acht lassen.
togo
Experte
01.09.2009
Noch einmal: "Das" Problem gibt es meines Erachtens hier nicht, sondern ein ganzes Bündel von Gefahrenquellen und ihm korrespondierend ein Bündel sinnvoller Ansätze zur Unfallvermeidung - und dazu gehört die Verkehrspädagogik bzw. der Appell an das Risikobewusstsein genauso wie auf der anderen Seite die sichere technische Gestaltung der Verkehrsflächen und -mittel. Da besteht doch überhaupt kein Widerspruch. Der weitverbreitete unbeirrbare Glaube, selbst immer alles richtig zu machen bei gleichzeitiger Überzeugung, die anderen Verkehrsteilnehmer seien die Idioten, trägt allerdings auch nicht gerade zur Erhöhung der allgemeinen Verkehrssicherheit bei.
togo
Experte
01.09.2009
Den letzten Satz im letzten Post nehme ich zurück, der war unsachlich und unnötig polemisch. Ich glaube ja gerne, groelli1, dass Du ein sehr umsichtiger Verkehrsteilnehmer bist. Aber offenbar kennst Du wie ich auch die Situation aus Fahrradfahrersicht: Ein Fußgänger hört Dich naturgemäß nicht kommen und betritt voreilig die Fahrbahn bzw. den Radweg. Welche Konsequenz ziehst Du nun aus dessen Unachtsamkeit? Ziehst Du gnadenlos durch, ohne Rücksicht auf Verluste, schließlich ist er selber schuld? Oder bremst Du und kannst Dir vorstellen, dass das jemandem eben passieren kann, weil er z. B. als Nichtradfahrer oder Ortsunkundiger mit einer solchen Situation nicht rechnet oder z. B. als älterer Mensch, Kind oder akut Verliebter in seiner Wahrnehmung nicht ganz so leistungsfähig ist wie Du gerade? Und was spricht dagegen, solchen Situationen durch eine sichere Gestaltung der Verkehrswege (hier: Fahrradstreifen auf der Straße oder Markierung zwischen Fußgängerweg und Fahrradweg) und angemessenes Verhalten als "stärkerer" Verkehrsteilnehmer (hier wie überall: Fahren auf Sicht, Bremsbereitschaft, Mitdenken für andere und Schwächere) vorzubeugen?
groelli1
Experte
06.10.2009
Nach meiner (nicht unbedingt repräsentativen) Beobachtung hat sich das generationenübergreifende bewusste Bei- Rot- über- die Strabaschienen- rennen durch den Unfall in keiner Weise verbessert; jeder kann mutmaßen warum.

Zur oben diskutierten Lärmarmut mancher Verkehrsmittel als behauptete Gefahr für Fußgänger, die schon vor dem Blick auf die Fahrbahn / Trasse dieselbe nach Gehör betreten, womit impliziert wird, dass ein lautes Fahrzeug ein sicheres Fahrzeug ist, passt ein kurzer Artikel im SPIEGEL, Nr. 41 / 2009, S. 164: Japanische und US- Behörden wollen deshalb Elektroautos mit (verbrennungs-) Motorenlärmgeneratoren ausrüsten; der Wahnsinn wird oft früher Realität als im Kabarett ! Dachte bisher, solche Vorschläge kommen von unbelehrbaren Verbrennungsmotorfetischisten, die ihr "Brumm- Brumm" automatisch erzeugt wissen wollen, anstatt es , wie Kinder, mit dem Mund selbst zu machen.
 
08.02.2012, 16:08 - (0.009s) Spammerfutter Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
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