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Thema: BZ (1997): Autofrei wird viel teurer |
ande Administrator 06.03.2002 |
Ob und wieviel Häuslebauer durch Autoverzicht sparen können,
steht jetzt in den Sternen
Autofrei in Vauban wird viel teurer
Ein Wohnviertel ohne Autos soll es sein. Und wer ohne Auto lebt, soll auch
billiger bauen können: So hatte es sich das Forum Vauban gedacht, und auch
die Stadtverwaltung hatte nicht unbedingt etwas dagegen gehabt. Nun aber,
da es ernst wird, und die Grundstücke auf dem ersten Bauabschnitt vergeben
sind, kommt der Plan ins Wanken. Denn es ist alles nicht so einfach wie
gedacht.
Autofrei und stellplatzfrei - unter dieses Motto hatte das Forum den
ersten Bauabschnitt gestellt. Stellplatzfrei: weil die Wohnhäuser, die die
privaten Baugruppen dort erstellen, ohne eigenen Autostellplatz auskommen.
Wer ein Auto besitzt, parkt es in der Sammelgarage am Rande des Quartiers.
Wer aber 'autofrei' ist, also gar kein Auto hat, soll billiger bauen
können: Denn er spart die 30.000 Mark, die von jedem motorisierten
Hausbesitzer für einen Garagenplatz verlangt werden.
So war es geplant, und tatsächlich haben sich ein Drittel der privaten
Häuslebauer auf dem ersten Bauabschnitt als 'autofrei' angemeldet. Doch
ihre Hoffnung, durch den Autoverzicht sehr viel Geld zu sparen, muß die
Stadtverwaltung nun wohl enttäuschen. Denn was soll sie tun, wenn ein
Hausbesitzer, der autofrei in Vauban einzieht, sich plötzlich doch ein
Auto anschafft?
Natürlich hatte auch das Forum Vauban an diesen Fall gedacht und deshalb
der Stadtverwaltung vorgeschlagen, von jedem autofreien Hausbesitzer 5000
Mark 'Sicherheitsgeld' zu verlangen. Von dem Geld soll ein Gelände an der
Quartiersgrenze bereitgestellt werden, das als Parkplatz dienen könnte,
wenn einige Autofreie umkippen. Sollten viele rückfällig werden und sich
wieder ein Auto anschaffen, dann sollte die Stadt auf dieses Gelände eine
Garage bauen. Das geht dort nur mit einer besonders platzsparenden Garage,
für das Forum kommt deshalb lediglich ein automatisches Parkhaus in Frage.
Voraussetzung der ganzen Idee ist natürlich, daß die Verwaltung von jedem,
der wieder zum Autobesitzer wird, die restlichen 25.000 Mark für den
Garagenplatz einzieht.
Soweit der Plan des Forums, doch die Stadtverwaltung hat allerhand
Bedenken: Erstens, weil sie von automatischen Parkgaragen nichts hält.
Zweitens und vor allem, weil sie keinen Weg sieht, wie sie von
Hausbesitzern, die sich auf einmal doch ein Auto anschaffen, das Geld für
den Stellplatz eintreiben soll. 'Wenn einer sagt, er braucht für seinen
neuen Job dringend ein Auto, hat aber kein Geld um den Stellplatz zu
bezahlen - was sollen wir denn mit dem machen?' fragt Volker Jeschek vom
Stadtplanungsamt. Fraglich ist auch, wie die Verwaltung überhaupt erfährt,
wenn ein autofreier Haushalt rückfällig wird. Bei der KFZ-Anmeldung gilt
der Datenschutz, und auf die Denunziationslust der Nachbarn will sich die
Verwaltung nun nicht gerade verlassen. Und niemand kann kontrollieren, ob
die heimlichen Autobesitzer ihre Wagen nicht einfach außerhalb des
Vaubanviertels parken, etwa am Schlierberg oder irgendwo in Merzhausen.
'So ein Betrug darf auf keinen Fall passieren', heißt es denn auch unisono
beim Forum Vauban und in der Verwaltung. Aber wie er sich vermeiden läßt,
weiß niemand so genau.
So sinnt denn die Stadtverwaltung darüber nach, ob sie nicht einfach von
allen Hausbesitzern 30.000 Mark für den Stellplatz verlangen soll. Wer
kein Auto hat, könnte seinen Platz ja vermieten. Auf seine Kosten, daß
weiß auch die Verwaltung, käme er dabei allerdings nicht. Der Anreiz, aufs
Auto zu verzichten, gehe damit völlig verloren, kritisiert dagegen André
Heuss vom Forum Vauban, der darauf pocht, daß das Konzept 'Stellplatzfrei
und Autofrei' mit der Stadtverwaltung fest vereinbart war. Die autofreien
Häuslebauer haben nun Angst um ihr Budget: 'Wir müssen jetzt sehen, ob wir
das Geld am Fußboden oder an den Türen einsparen - und alles um etwas zu
finanzieren, das wir garnicht brauchen." ag
Kommentar
von Annette Goebel
Autolos
Das Wort 'autolos' klingt neu und ungelenk, aber es lohnt sich, ein
bißchen darüber nachzusinnen: Die Aufgabe von Adjektiven ist es ja,
zusätzliche Informationen zu geben, sie bezeichnen immer das, was sich
nicht von selbst versteht. Am Anfang des Jahrhunderts, als fast niemand
ein Auto hatte, existierte das Wort 'autolos' sicher noch nicht.
Jedenfalls hat man es nicht gebraucht: Es enthielt keine zusätzliche
Information, schließlich waren die meisten Menschen autolos. (Man spricht
ja auch nicht von einem 'weißen Schimmel'.) Heute aber, da jeder ein Auto
hat, markiert das Wort 'autolos' das Ungewöhnliche, nur deshalb verwenden
wir es: Mensch ohne Auto, das ist eine Information, die sich nicht von
selbst mitdenkt. - Dieser Ausflug in die Sprachgeschichte läßt uns besser
verstehen, warum es in Vauban so schwierig ist, ein autoloses Viertel
einzurichten: Mensch und Auto werden eben immer zusammengedacht, das
drückt sich nicht nur in der Sprache aus, sondern auch in den Regeln
unserer Gesellschaft. Weil vorausgesetzt wird, daß jeder ein Auto hat,
wird auch verlangt, daß jeder eine Garage haben muß. Und beim Versuch,
Auto und Mensch (oder Stellplatz und Haus) getrennt zu denken, wird's
schwierig. Allerhand Einfallsreichtum ist nötig, um das Auto vom Menschen
zu trennen. Doch lohnt es sich, hartnäckig zu sein, für soviel
gesellschaftlichen Fortschritt. Denn: Die Symbiose Auto und Mensch können
wir uns längst nicht mehr leisten.
Mit freundlicher Genehmigung zur nicht-kommerziellen Verbreitung in CL
entnommen aus: Badische Zeitung, 28. Juni 1997 |
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