Carsten Sperling Experte 26.04.2002 |
Vauban actuel 2-02
Wenn man an die Kriterien der Straßenbenennung hier im Stadtteil denkt, so kann man sie Rahel Varnhagen nicht eindeutig zuordnen.
Sie zeichnete sich weder durch "herausragende wissenschaftliche" noch durch "künstlerische Verdienste" aus, eher noch durch humanitäre während des preußischen Befreiungskrieges. Opfer des Naziregimes war sie allerdings insofern, als sie während der zwölf Jahre totgeschwiegen wurde. Trotzdem passt sie in den Kreis herausragender Frauen, nach denen Straßen im Stadtteil benannt sind; gilt sie doch als erste emanzipierte Frau in Deutschland.
Geboren wurde Rahel Levin am 19. Mai 1771 als ältestes Kind eines reichen Berliner Bankiers und Juwelenhändlers, der sich als erster seiner Familie aus dem jiddischen Milieu in Breslau emporgearbeitet hatte und einer der wenigen Schutzjuden des preußischen Königs war. Zusammen mit drei jüngeren Geschwistern wuchs sie behütet und ohne materielle Sorgen auf. Aber eine Bildungsstätte gab es für sie als Mädchen nicht. Aus Erwähnungen in Briefen wissen wir, dass sie, die zunächst nur hebräisch schrieb, lernte, sich in Schriftdeutsch auszudrücken, und dass sie wohl Hauslehrer hatte, die sie u.a. in Französisch, Klavierspielen und Tanzen unterrichteten, neben den spezifisch weiblichen Hand- und Hausarbeiten. Sie selbst bezeichnete einen gebildeten Menschen als jemanden, "der mit festen Augen hinsehen kann, wo es ihm fehlt, und einzusehen vermag, was ihm fehlt".
Rahel ist neunzehn, als der Vater stirbt, und von da an kümmert sie sich um die Geschwister und lebt für viele Jahre mit ihnen und der Mutter in der Berliner Jägerstraße, unweit des Gendarmenmarktes. (Das Haus, wurde restauriert und bietet heute dem Direktor des Jüdischen Museums, Michael Blumenthal, eine Wohnung.) In dieser Zeit, zwischen ihrem 20. und 35. Lebensjahr, macht sie, die sich trotz zweier Verlobungen noch nicht zur Ehe entschließen kann, ihr Haus zu einem geistigen Mittelpunkt Berlins. Sie führt, wie man es damals nannte, einen Salon.
Da kamen vom späten Nachmittag bis in den Abend Gäste, die sich für die damalige Zeit unkonventionell, nämlich ohne Einladung und Standesunterschiede, trafen, Tee tranken und über philosophische und literarische Themen, aber auch die neuesten Theater- und Opernaufführungen plauderten. Die geistige Elite Berlins, Männer wie Clemens von Brentano, die Brüder Humboldt, Prinz Louis Ferdinand (der sich auch ans Klavier setzte), um nur einige zu nennen, fanden sich bei Rahel ein, aber auch einzelne Frauen wie die umschwärmte Schauspielerin Pauline Wiesel. Frauen vom Hof und feine Bürgersfrauen wären auch gern hingegangen, versagten es sich aber, um ihren Ruf nicht zu gefährden. Rahel, die sich selbst "etwas unangenehm Unansehnliches" nachsagte, muss eine große Ausstrahlung gehabt haben und galt als Geselligkeitsgenie. Sie war unendlich neugierig auf Menschen und Ideen und durch ihre Anteilnahme der menschliche und geistige Mittelpunkt des Kreises.
Zwei gravierende Ereignisse bestimmen aber das weitere Leben Rahels. 1806 marschiert Napoleon in Berlin ein, was für sie das Ende des Salons und materielle Einschränkungen bedeutet (die Geschäfte der Brüder, die das väterliche Erbe angetreten haben und die Rahel versorgen, gehen schlecht). Beim Befreiungskrieg 1813 geht sie nach Prag, um dort Verwundete zu pflegen. In diesen Jahren lernt sie Karl August Varnhagen kennen und heiratet ihn 1814; sie ist 43 Jahre alt, er 29. Vier Tage vor der Trauung lässt Rahel sich evangelisch taufen, und Varnhagen legt sich - aufgrund einer aufgestöberten Familienchronik - den Adelstitel "von Ense" zu. Beide Maßnahmen sollen der Karriere und dem gesellschaftlichen Ansehen dienen. Varnhagen geht in den diplomatischen Dienst und nimmt u.a. am Wiener Kongress teil und wird preußischer Gesandter am großherzoglichen Hof in Karlsruhe. Neunzehn Jahre sind sie verheiratet, oft getrennt durch berufliche Verpflichtungen Varnhagens, dann stirbt Rahel am 7. März 1833 nach vielen Jahren Kampf gegen rheumatische Schmerzen. Noch im Todesjahr veröffentlicht Varnhagen das "Buch des Andenkens", das Briefe Rahels enthält und das sie vor dem Vergessen bewahrt.
Auf dem Straßenschild steht:
Rahel Varnhagen von Ense,
1771 - 1833, setzte sich für Emanzipation von Juden und Frauen ein
Was Ersteres anbetrifft, so hat Rahel Varnhagen versucht, ihr Judentum abzuschütteln, aber auch die Taufe bewahrte sie und ihren Mann nicht davor, aus dem diplomatischen Dienst hinauskomplimentiert zu werden und entsetzt mitzuerleben, wie im Herbst 1819 in ganz Deutschland Judenpogrome stattfanden und niemand etwas dagegen unternahm. Carola Stern stellt nüchtern fest: "Jetzt und künftig gilt der Jude als von Geburt aus minderwertig... Durch nichts...kann er sich von seinem Judentum befreien, befreit werden müssen vielmehr die anderen von ihm."
Hat Rahel Varnhagen sich für Frauen eingesetzt? Nicht durch kämpferische Schriften, aber durch ihr selbstständiges Leben und Denken, ist sie für ihre Zeitgenossinnen und für spätere Frauengenerationen zum Vorbild geworden.
Nach: Carola Stern, Der Text meines Herzens. Das Leben der Rahel Varnhagen, Hamburg 1994
Heidi Thomann Tewarson, Rahel Varnhagen, rororo 1988
Christa Becker
Übrigens: Unsere oft unbekannten Straßennamen wollen wir doch korrekt schreiben. Deshalb ein Nachtrag zum Artikel "Immergrün - die neue Kita im Vauban" in Heft 1/2002: Die Kita ist in der Adinda-Flemich-Straße. |