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Absender Thema: 11. September: Werk der CIA?
ande
Administrator
09.09.2003
Zwei Jahre nach 9/11

Mathias Bröckers 08.09.2003

Auch nach zwei Jahren ist kein wahrer Schuldiger gefasst - und es tobt eine Schlammschlacht gegen "Verschwörungstheorien"

Vor einem Jahr notierte ich 20 Lektionen, die wir nach den Anschlägen des 11.9. gelernt haben sollten - nach dem zweiten Schuljahr wird es Zeit für ein Update.


20 Lektionen des 11.September

1) Wir haben gelernt, dass der "war on terrorism" von Bush & Co. nicht der Ergreifung der Verantwortlichen des 11.9. dient, sondern einer andauernden Kampagne zur Durchsetzung einer globalen Pax Americana, nötigenfalls mit Gewalt.

Bis heute ist keiner der verantwortlichen Hintermänner überführt und die Tat nach 2 Jahren genauso ungeklärt wie 2 Tage danach. Gegen den Hauptverdächtigen Osama Bin Laden liegen nach wie vor keine gerichtsfesten Beweise vor. Der "Krieg gegen den Terror" hat keinen einzigen der Terroristen des 11.9. dingfest gemacht - sondern die Welt unsicherer und neue Terrornester produziert. Aus Afghanistan/Pakistan wird die höchste Opium/Heroinproduktion seit fünf Jahren gemeldet, d.h. die wichtigste Einnahmequelle von Warlords und Terroristen läuft wieder auf Hochtouren. Die Okkupation des Irak, der bis dahin nicht durch Terrorismus aufgefallen war, hat dort ein neues Terrornest initiiert, von dem jetzt auch international Gefahr ausgeht.

2) Wir haben gelernt, dass Bush & Co. von den Anschlägen angeblich zwar völlig überrascht wurden, aber bereits einen Tag später 19 Hijacker und ihren Mastermind Bin Laden als Täter namhaft machen konnten. Gerichtstaugliche Beweise für diese Behauptung liegen bis heute nicht vor, die wahre Identität der Täter und ihrer Hintermänner ist nach wie vor im Dunkeln.

Sechs der "19 Hijacker" hatten sich in den Tagen nach den Anschlägen als lebend gemeldet und ihr Entsetzen über ihr Auftauchen auf der Massenmörderliste des FBI kundgetan. Beim Treffen des saudischen Außenministers mit Präsident Bush am 20. 9. wurde die "Verwechslung" zwar zugegeben, doch die sechs Männer stehen dort bis heute - ohne jeden Hinweis, dass nur ihre Daten benutzt wurden. Wer sich dahinter verbirgt ist unbekannt. Die Untersuchungen stehen also noch ganz am Anfang.

3) Wir haben gelernt, dass Bush & Co die Ermittlungen des FBI-Anti-Terrorchefs O'Neill gegen Bin Laden, seine Familie und die terroristischen Verbindungen in Jemen und Saudi-Arabien stoppen ließen. Ermittlungen lokaler Polizei-Agenten gegen verdächtige Flugschüler wurden von der FBI-Zentrale blockiert. Im Januar wurde der Oppositionsführer im Parlament, Tom Daschle, gepresst, aus Gründen der "nationalen Sicherheit" keine tiefergehenden Untersuchungen des 11.9. durch einen Kongressausschuss durchzuführen.

Der Bericht des Kongressausschusses ist mittlerweile erschienen, mit 28 geschwärzten Seiten über eben jene Finanz- und Terrorconnection mit Saudi-Arabien, deren tiefergehende Verfolgung Bush nach seinem Amtsantritt stoppte und seinem Anti-Terrorchef O'Neill im April 2001 sogar Einreiseverbot in den Jemen erteilen ließ, um weitere Ermittlungen zu verhindern. Die tragische Geschichte des Bin Laden-Jägers O'Neill, der daraufhin empört zurücktrat, am 1. 9. Sicherheitschef des WTC wurde und dort zehn Tage später ums Leben kam - DER Stoff für ein Hollywooddrama - wird in den USA nicht erzählt. Stattdessen wurden pünktlich zum 2. Jahrestag auf nahezu zynische Weise die Notrufe der WTC-Opfer veröffentlicht, um jede kritische Frage zu den Abläufen unter einer Welle von Tragik untergehen zu lassen.

4) Wir haben gelernt, dass es zwar viele konkrete Vorwarnungen und Verdächtige gab, aber dass FBI und CIA versäumt hätten, "die Knoten zu verbinden". Um dies künftig zu vermeiden, wurde kein Verantwortlicher entlassen, sondern die Budgets vor allem der CIA deutlich erhöht.

Die Geschichte von Pleiten, Pech & Pannen und "not connecting the dots" hängt nach wie vor eng mit der Regierungslegende vom "Überraschungsangriff" zusammen. Wer überrascht worden sein wil,l muss ja ein paar Gründe für seine Unaufmerksamkeit aufzählen können - da passt kaum etwas besser als Bürokratie, und Geheimdienstschlamperei. Dass aber im Land des hire & fire die Verantwortlichen der zwei Großfirmen, die für die Vermeidung solcher Katastrophen zuständig sind, danach belobigt und mit neuen Milliarden ausgestattet werden, ist dann doch äußerst ungewöhnlich - es sei denn, sie hätten letztlich im Sinne ihrer Geldgeber gearbeitet. So wurde denn die FBI-Agentin, deren Bitte um einen Durchsuchungsbefehl gegen verdächtige Flugschüler in der Zentrale abgeschmettert worden war, zwar vom "Time"-Magazin zur "Frau des Jahres" gewählt - ihr Vorgesetzter aber nicht gleichzeitig zum "Versager des Jahres". Stattdessen erhielt er wegen besonderer Leistungen diskret eine Prämie samt Urkunde des Präsidenten.

5) Wir haben gelernt, dass am Morgen des 11. September die sensibelste "No Fly"-Zone der Erde - über dem Hauptquartier der einzigen militärischen Weltmacht - völlig unbewacht war und dass niemand - in Worten: NIEMAND - über 45 Minuten lang für das Ausbleiben jeglicher Luftverteidigung verantwortlich war.

Das ist bis heute so: Wer den über 800-seitigen Bericht des Kongress-Untersuchungs-auschusses durchsucht, stößt an zwei Stellen auf die zivile Luftüberwachungsbehörde FAA, die für Abfangjäger zuständige NORAD (Nordamerikanisches Luftverteidigungskommando) wird mit keinem Wort erwähnt. Der neben der Frage nach der Identität der Hijacker vielleicht entscheidendste Punkt, warum jegliche Luftabwehr am Morgen des 11.9. unterblieb, wird in dieser Untersuchung nicht einmal gestellt.

6) Wir haben gelernt, dass Bush & Co. im Sommer 2001 durch ausländische Geheimdienste mehrfach vor einer bevorstehenden Attacke dieser Art gewarnt wurden, darauf aber ebensowenig reagierten wie auf die Warnungen der nationalen Dienste. Währenddessen verhandelten sie mit den Taliban über den Bau der Pipeline durch Afghanistan, zahlten diesen noch im Mai 2001 43 Millionen Bestechungsgelder und versprachen "einen Teppich voller Gold oder einen Teppich voller Bomben".

Die Berichte über Bushs Briefing durch die CIA sind im Bericht des Kongress-Untersuchungsauschusses bezeichnender Weise nicht bzw. nur in einer redaktionellen Bearbeitung enthalten. Dass es sich bei der von Condoleezza Rice immer wieder mit tiefen Augenaufschlag wiederholten Ausrede, dass ein Terroranschlag mit Flugzeugen "jenseits des Vorstellbaren" lag, um eine Lüge handelt, ist amtlich. Im Herbst 2000 und Anfang 2001 wurden im Verteidigungsministerium sogar schon Notfallübungen dazu durchgeführt. Szenario der Simulaton: Eine entführte Boeing 757 fliegt ins Pentagon.

7) Wir haben gelernt, dass die großen Medien ihrem demokratischen Auftrag als unabhängiger, investigativer Gewalt hervorragend nachkommen, wenn es um schwerkriminelle Verfehlungen wie Sex mit Praktikantinnen oder privat genutzte Bonusmeilen von Politikern geht - bei lässlichen Sünden wie dem Terroranschlag am 11.9. aber sofort alle Fünfe gerade sein lassen und zum reinen Propagandabordell verkommen.

Auch wenn es mich als Nestbeschmutzer viele Zeilenhonorare kosten wird: Von dieser harschen Medienkritik ist auch zwei Jahre danach nichts zurückzunehmen. Die professionelle Publizistik hat in Sachen 9-11 kläglich versagt und ohne Nachfrage und Recherche Halbwahrheiten, Lügen und Propaganda verbreitet. Folge dieses Versagens ist eine große Glaubwürdigkeitskrise der Medien - 70% der Deutschen fühlen sich laut einer aktuellen Forsa-Umfrage schlecht oder falsch informiert.

Wir haben gelernt, dass es so möglich wurde, eine lupenreine Verschwörungstheorie ("Osama war's!") durch permanente Wiederholung auf allen Kanälen in den Rang einer absoluten, unhinterfragbaren Wahrheit zu heben, auf deren Grundlage bis heute Kriege geführt werden.

Die offizielle These "Osama war's!" ist nach wie vor eine lupenreine Verschwörungstheorie. Dass ihr der Status einer allgemein akzeptierten Wahrheit zukommt, ist das Ergebnis einer Gehrinwäscheoperation, die uns den Zusammenhang der in die Türme krachenden Flugzeuge mit der Chiffre "Osama" wie Pawlowschen Hunden implantiert hat.

9) Wir haben gelernt, dass Bush & Co. die Gesetze zur Einschränkung von Freiheits- und Bürgerrechten (Patriot Act, Homeland Security) schon vor dem 11.9. in der Schublade hatten und angesichts des Schocks durch den Kongress peitschen konnten, ohne dass die Mehrheit der zustimmenden Abgeordneten die neuen Gesetze auch nur komplett gelesen hatte.

Dieser Vorgang kann als Schulbeispiel für die Manipulation der demokratischen Legislative gelten, das einem Martin Luther King in den Sinn bringt: "Bedenkt immer, alles was Hitler tat, war legal!" Mit der weiteren Verschärfung im Rahmen von "Patriot 2" stößt Justizminister Ashcroft jetzt auf scharfen Widerstand quer durch alle politischen Lager. Ohne einen neuen Anschlag hat "Patriot 2" keinerlei Chancen, sowenig wie "Patriot 1" ohne 9-11 jemals eine gehabt hätte.

10) Wir haben gelernt, dass diese Gesetze auf einen totalitären Überwachungsstaat im Hitler-Stalin-Stil hinauslaufen: mit Militarisierung der Innenpolitik, aufgeblähten StaSi-Behörden und zivilen Blockwart- und Spitzelsystemen.

Verglichen mit den 180.000 vorgesehenen Mitarbeitern für die HeiSi- Behörde kann die ehemalige DDR-Stasi in der Tat als Kleinbetrieb gelten. In der DDR waren bestimmte Bücher verboten, in den USA müssen jetzt Buchläden und Büchereien die Lesegewohnheiten ihrer Kunden den Behörden melden.

11) Wir haben gelernt, dass Bush & Co. unter Berufung auf das Kriegsrecht das Rechtssystem im Lande bereits außer Kraft gesetzt haben und seit dem 11.9. zahlreiche Menschen ohne Anklage, ohne Anwalt und ohne Verfassungsrechte. gefangen gehalten. Die Ablehnung eines Internationalen Strafgerichtshof durch die USA erfolgte, weil Bush & Co. diese Art von Standrecht künftig auch auf internationaler Ebene ausüben wollen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

In Guantanamo Bay werden bis heute im Rahmen von "Enduring Freedom" Menschen unter Bedingungen gehalten, die in zivilisierteren Nationen nicht einmal mehr Hühnern zugemutet werden.

12) Wir haben gelernt, dass wir die Guten sind und nur islamische Extremisten den Weltfrieden bedrohen, christliche und jüdische Extremisten ihn hingegen bewahren, denn, so Bush: "Gott ist nicht neutral".

Selbst der Papst hat sich gegen die Instrumentalisierung des Allmächtigen für die öltriefenden Feldzüge Bushs verwahrt, doch gute Worte haben gegen cruise-missile gestützte "Theologie" einfach keine Chance.

13) Wir haben gelernt, dass der Krieg gegen Afghanistan - der schon bis Dezember 2001 mehr Unschuldige das Leben gekostet hat als die Anschläge vom 11.9. - zwar nicht wegen Öl geführt wird, dass aber ein Ex-Angestellter des Ölriesen UNOCAL in Kabul neuer Präsident wurde und als erste Amtshandlung die "größte Auslandsinvestition" unter Dach und Fach brachte: eine Pipeline.

Auch nach dem natürlich nicht wegen Öl, sondern wegen der Millionen Barrel von Massenvernichtungswaffen geführten Irak-Krieg wird jetzt als eines der ersten Großprojekte die Wiederinbetriebnahme einer 1948 stillgelegten Pipeline nach Israel betrieben.

14) Wir haben gelernt, dass Enron, der größte Sponsor von Bush & Co., zwar den größten Konkursbetrug der (damaligen) US-Geschichte begehen konnte - mittlerweile sind noch einige größere Betrüger aufgeflogen - und dabei Rückendeckung durch die "energy task force" des Weißen Hauses erhielt und erhält. Niemand wurde bislang für diese Milliardenbetrügereien zur Rechenschaft gezogen.

Abgesehen von ein paar gerichtlich verurteilten Bauernopfern blieb der Milliardenschwindel bis heute unter der Decke, die "Energiegespräche" von Vizepräsident Cheney und Enron-Chef Ken Lay werden weiter als Staatsgeheimnis gebunkert. Dass die Stromausfälle, die Kalifornien seit Ende der 90er Jahre regelmäßig heimsuchten, von Enron initiiert waren, um die Preise für "sicheren" Strom hochzutreiben, ist allerdings mittlerweile gerichtskundig.

15) Wir haben gelernt, dass Bush & Co. kein Engagement für einen Friedensprozess im Nahen Osten aufbringen und den Extremisten - Sharons aggressiver Siedlungspolitik auf der einen und den terroristischen Gegenaktionen der Hamas auf der anderen Seite - freie Hand lassen. Auf dass moderate Palästinenser und Juden ("Land for Peace") keine Chance bekommen - und der militärische Ausnahmezustand gewahrt bleibt.

Auch die "Roadmap" hat daran nichts geändert und der begonnene Mauerbau die Gewaltspirale weiter eskalieren lassen.

16) Wir haben gelernt, dass von Bush & Co. händeringend nach einem Kriegsanlass gegen Irak gesucht wird um den "war on terror" zu prolongieren. Der militärische Aufmarsch findet im Rahmen der größten Manöver der US-Militärgeschichte schon statt - da sollte es an einem überzeugenden Anlass nicht mehr lange fehlen.

Dazu wurden dann "In 45 Minuten" einsatzfähige weapons of massdestruction (WMD) des Irak erfunden, um in England und USA Angst und Kriegsbegeisterung zu schüren. Bis heute wurde keine einzige WMD entdeckt, schon gar keine umgehend einsatzfähige. Nach dem Selbstmord des Waffeninspekteurs David Kelley, der das Aufbauschen des Bedrohungsszenarios der BBC berichtet hatte, trat jetzt Tony Blairs Kommunikationschef Campbell zurück - um seinen Chef aus der Schusslinie zu nehmen - und in neuer Funktion weiterhin für Propagandalügen zuständig zu sein.

17) Wir haben gelernt, dass Bush & Co vor "frevelhaften Verschwörungstheorien" warnen, die "nur von den wahren Schuldigen ablenken", selbst aber für ihre Theorie einer al-quaidisch-bin ladistischen Weltverschwörung keinerlei Beweise vorlegen können und nach knapp einem Jahr keinen einzigen der "wahren Schuldigen" vorweisen können.

Auch nach zwei Jahren ist kein wahrer Schuldiger gefasst - und es tobt eine Schlammschlacht gegen "Verschwörungstheorien"... Ich selbst habe in keinem meiner Bücher eine Verschwörungstheorie über den 11.9. aufgestellt, sondern immer nur darauf hingewiesen, dass es sich bei der offiziellen Version um eine solche handelt. Verkehrte Welt: Nicht die Tatsache, dass der Massenmord des 11.9. bis heute unaufgeklärt ist, macht Skandal, sondern die Veröffentlichungen derjenigen, die diesen Skandal benennen.

18) Wir haben gelernt, dass das Internet die einzige Möglichkeit bot, sich der freiwilligen Gleichschaltung des Medien-Mainstreams zu entziehen und jenseits aller Zensur und Denkverbote einen freien Austausch von Information zu gewährleisten .Nur in diesem Exil konnten Journalisten und Reporter ihrem Handwerk noch so nachgehen, wie es von den Medien als funktionierender vierter Gewalt demokratischer Systeme eigentlich flächendeckend zu erwarten gewesen wäre.

Zwei Jahre danach wird der Bruch zwischen der "Old School" der Medien und dem neuen internet-basierten Journalismus sehr deutlich: Während im Web die offenen Fragen des 11.9. und die Recherchen zu ihrer Beantwortung von Anfang an selbstverständliches Thema von Online-Magazinen und Internet-Foren war, gelten kritische Nachfragen in den Mainstream-Medien bis heute weitgehend als Tabu. Solange die Zweifel an der offiziellen Version nur im Internet verbreitet wurden, ließ sich dieses Tabu noch gut verbergen. Der Eintritt der 9-11-Skepsis in die Gutenberg-Galaxis in Form einiger erfolgreicher Bücher führte dann zu der bekannten Abwehrreaktion: "Psychopathen! Schwindler! Verschwörungsjunkies!" (Hans Leyendecker, SZ 30.8.2003)

19) Wir haben gelernt, dass der kritisch-konspriologische Blick auf die Ereignisse der 11.9. Ergebnisse zu Tage gefördert hat, die sich deutlich von der offiziellen Version der Ereignisse unterscheiden - dass diese Informationen und die daraus resultierenden Fragen aber wenig Chancen haben, gegen die Lautsprecher aus Brainwashington D.C. durchzudringen.

Die im Web weit verbreitete 9-11-Skepsis hat mittlerweile in Form von Büchern auch Kreise der "Off-Line"-Bevölkerung erreicht, die jetzt mit inquisitorischen Pamphleten wie dem des deutschen Investigativ-Papsts Hans Leyendecker in der Süddeutschen Zeitung abgeschreckt werden sollen. Dass ausgerechnet als liberal geltende Medien wie die "SZ" , das NDR-Magazin "Panorama" oder der "Spiegel" sich derart winden, wundert nicht: Es wäre vor allem ihr Job gewesen, die einlullende Propaganda aus Brainwashington zu durchschauen und den offenen Fragen zum 11.9. nachzugehen. Das Versagen der professionellen Publizistik lässt sich freilich nicht korrigieren, indem man nun an eine Handvoll "Verschwörungstheoretiker" als Sündenböcke abstraft, sondern nur indem die "Old School"-Medien ihrem Auftrag und Handwerk endlich wieder nachkommen.

20) Wir haben gelernt, dass von der Nicht-Aufklärung des 11.September und des darauf aufbauenden innen- und außenpolitischen "war on terror" nur eine Fraktion wirklich profitiert: Bush & Co - und dass es höchste Zeit für einen expliziten [External Link] Anti-Bushismus wird, bevor dieser Neo-Nero den Rest der Welt in Brand setzt. Der Gestapo-Stil seiner Staatsführung und der Enron-Stil seiner Marktwirtschaft kann in keiner Weise irgendein Modell für eine "freie Welt" abgeben. gegen dieses Raubrittertum, da sind sich selbst zaghafte Anti-Bushisten einig, hilft nur die "Methode Obelix": "Wir beginnen mit den Frischlingen, leiten über zu den römischen Patrouillen und kommen schließlich zu den Wildschweinen."

Die "Methode Obelix" ist - zugegeben - ohne Zaubertrank wenig erfolgversprechend. Auch der " Neo-Nero" war etwas pathetisch formuliert, und "Gestapo-Stil" droht bei einigen gleich in der politisch-inkorrekten Vergleichsschublade zu landen. Die Grundaussage dieser Lektion aber ist mehr denn je aktuell. Brachiale Imperialpolitik nach außen, Polizeistaatstendenzen nach innen, dazu eine debakulöse Verschuldung und katastrophale Wirtschaftsdaten - die Ära Bush ist nüchtern betrachtet eine gigantische Katastroph, - für die USA und den Rest der Welt. Das Ende dieser Ära wird umso schneller anbrechen, je lautstärker die Antworten auf die offenen Fragen des 11.9. eingefordert werden.

Quelle: http://www.heise.de/tp/deutsch/special/wtc/15588/1.html
ande
Administrator
09.09.2003
Vom selben Autor:

Lob des Antibushismus

Eine Verteidigung amerikanischer Werte

(Eine erste Fassung dieses Beitrags erschien in Goedart Palm/Florian Roetzer(Hrsg.) : "Terror, Medien Krieg", Heise-Verlag 2002 - eine weitere in meinem Buch "Verschwörungen,Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11. September", Verlag Zweitausendeins.)

Auf die Frage: "Wie hältst du's mit Amerika?" müsste ich mich derzeit als Antibushist offenbaren. Da "Antibushismus" noch kein geläufiger Begriff ist und der "Bushismus" als Gefahr noch nicht allgemein akzeptiert, bedarf die antibushistische Haltung vielleicht einiger Erklärungen. Um es kurz zu machen, könnte man sagen, dass sich der Antibushist zum Antiamerikaner verhält wie der Antizionist zum Antisemiten: Das "Anti" zielt also nicht auf ein Volk, seine Kultur, Werte und Religion, sondern auf eine bestimmte Politik und die Mittel ihrer Durchsetzung.

Da in Kriegszeiten solche Differenzierungen nur Verwirrung stiften, hat Bush II nach dem 11.9. denn auch umgehend klar gemacht, dass man ab sofort nur noch Bushist oder Terrorist sein kann und nichts dazwischen. Damit wurde der Antibushismus gleichsam schon vor seiner Geburt zu einem Unding erklärt. Seit aber die Opfer der Anschläge auf WTC und Pentagon auf afghanischem Boden schon weitaus zahlreicher sind als auf amerikanischem - und der Sheriff nicht aufhört, auf seiner Jagd nach dem ultimativ Bösen Unschuldige platt zu machen -, spätestens seitdem wird aufrechter Antibushimus im globalen Dorf zur ersten Bürgerpflicht.

Unlängst saß ich auf einem Podium zusammen mit einem leitenden Redakteur der "Welt", der die neue Präambel in den Arbeitsverträgen des Springer Verlags, in der die Journalisten eine Ergebenheitsadresse an USA und NATO unterschreiben müssen, eine "Selbstverständlichkeit" nannte. Meinen Einwand, dass sich Bush innenpolitisch derzeit nicht nur verhalte wie Hitler nach dem Reichstagsbrand, sondern auch die "Schriftleiter" heute wie damals stramm stehen, wies er entrüstet von sich. Vielleicht weil er meine antibushistische Haltung mit dem üblichen Antiamerikanismus verwechselte.

Dabei hatte ich meine Weisheit einer Medienanalyse der Columbia University entnommen, die einen entscheidenden Wandel in der US-Kriegsberichterstattung festgestellt hatte: Während sich bei früheren Kriegen die Militärsprecher tendenziell jubelnd und positiv, aber die Medien eher zurückhaltend und kritisch geäußert hätten, seien jetzt die Militärs die Bedenkenträger und die Medien zu "Cheerleaders" geworden. Wer hüpfend und grinsend Fähnchen schwingt, unterschreibt Ergebenheitsadressen an das "Team" natürlich blind. Der Antibushist freilich, der einst aus Amerika "free speech", "free press" und den Glaubenssatz von den Medien als unabhängiger vierter Gewalt im Staate übernahm, wendet sich mit Grausen.

Die amerikanischen Armeen vergangener Jahrhunderte galten wegen ihrer Freizügigkeit in der Frontberichterstattung als Vorbild für eine moderne Mediendemokratie, aber seit Vietnam gilt eine immer striktere Zensur, und schon Papa Bushs Golfkrieg fand so ziemlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Heute protestiert dagegen nur noch ein einziger Medienvertreter: der Pornozar Larry Flynt (Hustler- Magazin). Der an den Rollstuhl gefesselte Verleger, der sich einst mit einer Prozesswelle um die Freiheit der amerikanischen Bürger, ein Schamhaar in der Zeitung zu betrachten, verdient machte, hat Verteidigungsminister Rumsfeld wegen Behinderung der Frontberichterstattung verklagt.

Wie die besten Hockeyspieler der Welt längst nicht mehr aus dem britischen Mutterland dieses Sports kommen, sondern aus Pakistan, Indien oder Australien, scheinen auch die amerikanischen Tugenden und Werte heute in den Kolonien stärker präsent zu sein als in Amerika selbst. Im Lande selbst haben freie Rede, freie Presse und unabhängige Berichterstattung überlebt: durch Exterritorialisierung ins Internet. Der ganze Rest der Medien freilich übt sich in der größten Gehirnwäscheoperation der Geschichte. So forderte CNN-Chef Walter Isaacson seine Mitarbeiter in einem Memo auf, die Leiden in Afghanistan herunterzuspielen: Es sei "pervers, den Fokus zu sehr auf die Zwischenfälle und das Leid in Afghanistan zu richten"; wenn schon leidende Zivilisten gezeigt werden müssten, dann nur "im Kontext der Terrorattacke, die großes Leid in den USA verursachte". Der CBS Nachrichtenchef Dan Rather ging noch weiter: "George Bush ist der Präsident. Er trifft die Entscheidungen - und wie es sich für einen Amerikaner gehört: Wo immer er mich haben will, ich reihe mich ein, sag mir nur, wo."

Nach Ansicht von Andrew Stroehlein, eines kritischen Beobachters des verschwundenen unabhängigen US-Journalismus gehört dieses Statement "zum Erschreckendsten, was von einem leitenden Nachrichtenmenschen in der Geschichte des amerikanischen Journalismus je gesagt wurde". Der "Führer" jedenfalls hätte an solchen Schriftleitern seine helle Freude gehabt. Und der CBS- Nachrichtendirektor ist beileibe nicht der einzige Medienmacher von derart goebbelsartigem Kaliber - selbstdenkende Kommentatoren und Kolumnisten sind an der Einheitsfront von Patriotismus und Zensur allenthalben abserviert worden. Dass freilich ein »Sittenstrolch« wie Larry Flynt nicht umgehend ins KZ wandert, sondern den Verteidigungsminister immerhin verklagen darf, macht schon noch einen Unterschied aus zwischen Deutschland nach dem Reichstagsbrand und Amerika nach dem WTC-Anschlag.

Andererseits: ausgerechnet Flynt als Held der antibushistischen Bewegung, der sich von einer psychologischen Operation wie den Ereignissen vom 11.9. nicht irre machen lässt und auf der Autonomie öffentlicher Unbewusstseinsbildung besteht - politisch unkorrekter geht's kaum.

Es scheint mir an der Zeit zu sein, für den Politikstil des als "mitfühlenden Konservativen" angetretenen Bush und seine Propagandakompanien einen neuen Terminus zu finden. Wie wär's mit "compassionate fascism"?

Wenn die Entscheidung, wieviel "Schamhaar" der Öffentlichkeit zugemutet werden kann - etwa in Form "obszöner" Opferbilder aus Afghanistan, in Berichten über die langjährigen Geschäftsverbindungen der Familien Bush und Bin Laden, über die enge Komplizenschaft der CIA mit dem pakistanischen ISI, den Taliban und den lokalen Heroinbaronen, über die Rolle von Unocal, Haliburton und anderer Konzerne in Piplineistan -, wenn die Recherche- und Veröffentlichungsentscheidung über solche Fakten nicht unabhängigen Berichterstattern unterliegt, sondern den Direktiven des Propagandaministeriums und seiner Cheerleader, dann ist das Bushismus in Reinkultur.

Wenn ein nationaler "double standard" der Gerechtigkeit für Inländer und Ausländer, für "Kriegsgefangene" und "Kombattanten", beschlossen wird, und Abgeordnete vor den TV-Kameras freudig bekunden, dass sie die einzelnen Paragraphen des "Patriot Act" gar nicht gelesen, aber "selbstverständlich" zugestimmt hätten - that's bushism.

Wenn der "Freedom Of Information Act" im Handstreich außer Kraft gesetzt wird ( Justizminister Ashcroft stellte es im Dezember 2001 allen Behörden frei, Ersuchen nach Aktenfreigabe unter Hinweis auf die "nationale Sicherheit" abzulehnen), die Veröffentlichung von Präsidentenakten aus der Ära Reagan/Bush und der Iran-Contra-Affäre unterbunden wird (von Bush II im November 2001), die Aufklärung der Enron-Korruption des Weißen Hauses unter Hinweis auf die »nationale Sicherheit« blockiert wird (so Dick Cheney im Januar 2002), dann ist das bushistische Geheimpolitik.

Dabei kommt einem Martin Luther King in den Sinn: "Bedenkt immer, dass alles, was Hitler getan hat, legal war!"

Es gibt jetzt "keine Republikaner und Demokraten, sondern nur noch Amerikaner", so Bush II in seiner »Achse des Bösen«-Rede, frei nach Kaiser Wilhelm vor dem Ersten Weltkrieg.

Seit ich den Antibushismus als Haltung entdeckt habe, verstehe ich besser, warum bei Äußerungen wie dieser mein Frühstück den Rückwärtsgang einzulegen droht: Als Mitte der 50er Jahre in der ehemaligen US-Zone geborener Deutscher bin ich wahrscheinlich einfach amerikanischer, als es das Imperium in Washington derzeit erlaubt. Kein Wunder eigentlich, war doch die Bundesrepublik dank Nürnberger Prozesse und Marshallplan der treueste und dankbarste Vasallenstaat der USA. Der vorbildlich demokratische Onkel Sam bescherte uns die ersten Kaugummis, Colas, Levi's-Jeans - "Texas-Hosen" nannte sie meine Großmutter -, und die GIs brachten nicht nur Camels und Marlboros, sondern später auch Jimi Hendrix-Platten und Marihuana. Auf AFN lief die Wolfman Jack Show - wer hörte da noch deutschen Rundfunk?

Lange Haare, Sit-Ins, Demos, Happenings . . . alles Direktimporte aus den USA - eine Kultur, die den militarisierten Teutonen den Stechschritt austrieb, die Autoritätshörigkeit, die Führermentalität. Bob Dylan: "Don't follow leaders,watch the parkingmeters!", Timothy Leary: "Question authority! Think for yourself !", Little Richard: "A Wop Bopa Loo Bop . . ." DieWiedertäufer, die unsere Körper alphabetisierten und den Geist zum Tanzen brachten, sie kamen aus Amerika; und sie impften den Kindern der Generation Stalingrad eine Dosis amerikanischer Werte ein - Freiheit, Demokratie, Selbstverantwortung -, die sie immun machen sollte gegen jeden Faschismus. Und gegen den Antiamerikanismus. So waren wir mit Kerouac "on the road", weinten im Kino vor Wut, als die Bushisten die "easy rider" Dennis Hopper und Peter Fonda abknallten - und wurden zu amerikanischen Patrioten, ohne je einen Fuß in dieses Land gesetzt zu haben.

Dass hinter den Kulissen damals schon ein ganz anderer politischer Film lief, dass mit den Morden an den Kennedys und Martin Luther King ein bushistischer Putsch eingesetzt hatte, dass die Politik Amerikas seitdem dabei war, sich von den Werten und der Kultur, die uns in der westdeutschen Kolonie gerade infiziert hatten, immer weiter zu entfernen - all dies war damals für mich noch nicht zu erkennen. Dass die Studenten bei den Vietnam-Demos "USA-SA-SS" skandierten,leuchtete mir dennoch ein: ein verarmtes Volk von Reisbauern mit Napalm zu bombardieren - nazimäßiger schien es ja kaum zu gehen. Dass der bewunderte Kulturbringer und Befreier vom Faschismus nun selbst seine "imperialistische Fratze" zeigte, konnte den Glauben an die amerikanischen Werte freilich nicht erschüttern. Unter dem Motto "come together" kandidierte Tim Leary bei der kalifornischen Gouverneurswahl gegen Ronald Reagan und unterlag; die Beatles aber - dank amerikanischem Geist (und LSD) von britischen Proll- und Speed-Rockern zu kosmopolitischen Kulturköpfen gereift - machten aus seinem Motto und Programm einen Welthit. Kulturell siegten die amerikanischen Werte weltweit auf der ganzen Linie - politisch aber verkehrten sich die Verhältnisse im Land in ihr Gegenteil. Was mit dem Kennedymord begann, setzte sich über Reagan und Bush I fort und erlebt mit Bush II seinen vorläufigen Höhepunkt. 83 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung - seit Roosevelt im Zweiten Weltkrieg erzielten Präsidenten solche Quoten nur in totalitären Staaten.

"Wer heute eine vernünftige faschistische Diktatur schaffen wollte, würde dafür wohl das amerikanische Modell wählen", wird Noam Chomsky , einer der letzten Weisen des alten antibushistischen Amerikas, zu wiederholen nicht müde. Wie das »amerikanische Modell« aussieht, führt Bush II uns derzeit vor: »freie Wahlen«, an denen zwei Drittel der Bevölkerung nicht einmal teilnehmen, Wahlfinanzierungs- und Auszählungsmethoden wie in der letzten Bananenrepublik, Gleichschaltung des öffentlichen Unbewusstseins und der Medien durch einen unerhörten Terrorakt, Ausrufung des Ausnahmezustands und der Mobilmachung, umgehende Benennung des Feinds, der unheimlichen Bedrohung, die von ihm ausgeht, und der Maßnahmen, die dagegen ergriffen werden.

Was dann geschah, hat Mark Twain, ein anderer Weiser der alten amerikanischen Kultur - und Frontberichterstatter des us-amerikanischen Kubakriegs unter Teddy "The Rough Rider" Roosevelt -, schon 1916 beschrieben:

"Als nächstes wird der Staatsmann billige Lügen erfinden, die die Schuld der angegriffenen Nation zuschieben, und jeder Mensch wird glücklich sein über diese Täuschungen, die das Gewissen beruhigen. Er wird sie eingehend studieren und sich weigern, Argumente der anderen Seite zu prüfen. So wird er sich Schritt für Schritt selbst davon überzeugen, dass der Krieg gerecht ist und Gott dafür danken, dass er nach diesem Prozess grotesker Selbsttäuschung besser schlafen kann." ('Der geheimnisvolle Fremde,' 1916)

Wenn die Footballstars vor dem Superbowl-Match Sätze aus der Verfassung vorlesen, wird das sie und ihr Millionenpublikum auch besser schlafen lassen, obwohl die "Gänseblümchenpflücker" der Air-Force-Geschwader derweil weiter Zivilisten in Afghanistan schlachten. Währenddessen ist es für Medien und Kongress nicht einmal mehr eine Frage, warum am 11. September alle Air-Force Geschwader am Boden blieben und eine entführte Maschine in aller Seelenruhe aufs Pentagon zusteuern ließen. Während also die Aufklärung des Kriminalfalls vom 11.9. - die Ermittlung der wahren Vorgänge, Täter und Hintermänner - im Nebel des Kriegs verschwindet, wird auch die konkrete Personalisierung des Bösen in Gestalt von Osama Bin Laden zunehmend unwichtig und weicht einer abstrakten Weltverschwörung durch eine "Achse des Bösen" und den "Terror" überhaupt. Wer wird, nach dem Schock vom 11. September, nicht glauben, dass ein Krieg gegen diesen Terror gerecht ist? Die groteske Selbsttäuschung besteht unterdessen darin, dass der jetzt in Afghanistan und demnächst gegen die "Achse des Bösen" geführte Krieg wirklich gegen den Terror gerichtet ist. Bisher wurde jedenfalls keiner der Täter des 11. September gefangen, dafür aber Tausende unschuldige Zivilisten ums Leben gebracht.

Waren das noch Zeiten, damals im Dezember 2000, als Dabbeljus politische Vision - "Wenn dies eine Diktatur wäre, wäre es ein ganzes Stück leichter, zumindest solange ich der Diktator bin" - für Erheiterung im Publikum sorgte. Angesichts des Schocks vom 11.9. stimmen ihm die meisten jetzt sogar zu, wenn der die "homeland security" dem Militär unterstellt. Und 91 Prozent der Befragten unterstützen bei www.vote.com die größte Aufrüstung der Waffenarsenale seit dem Zweiten Weltkrieg - und die gigantischste Neuverschuldung seit den fatalen "Reagonomics", die Amerika vom größten Gläubiger der Welt zum größten Schuldner machten.

Jetzt kann der in der Clinton-Ära gerade wieder auf Konsolidierungskurs gebrachte Großpleitier USA dank des neuen Megafeinds "Terror" dem ohnehin desaströsen Weltschuldenkarussell ungestraft weiter Billionenlasten aufdrücken und die Rezession mit "war business" auf Pump überspielen. Dass die bushistische Ökonomie - Steuersenkungen hier, Aufrüstung da - nicht aufgehen kann, versteht zwar jedes Kind, der Psychoschock des WTC-Crashs sitzt aber so tief, dass selbst die Anwendung der Grundrechenarten die komplexe Lage nur weiter verwirrt und man sich lieber in grotesker Selbsttäuschung an den Leithammel hält. Dass Bush II über Nacht vom kaum ernst genommenen Halbintelligenzler zum weisen Führer der zivilisierten Welt aufstieg - auch dies verdankt sich allein der Nachhaltigkeit der Katastrophe.

Doch keine Frage: Der Mann ist sympathisch. Dass er sich verspricht und manchmal dummes Zeug redet, dass er sich vorm Militär gedrückt, lieber einen getrunken und gekokst hat, dass er als Geschäftsmann eher ein Loser war - all das verschafft dem Präsidenten als Mann des Volkes Sympathiepunkte. Dass ihn die multiple Herausforderung von Fernsehen, Football, Bier und Brezel bisweilen überfordert - auch das bringt ihn den Herzen der Wähler näher, als es sein spröder Vater war. Das Allzumenschliche rettet ihn nicht nur vor Enrongate - sein Vorgänger, der vergleichsweise unsympathische Clinton, wurde wegen vergleichsweiser Lappalien skandalmäßig da ganz anders gejagt -, es macht Bush II auch zum idealen Präsentator der beinharten geopolitischen Machtpolitik,zu der kluge CIA-Köpfe wie Brzezsinki ("Die einzige Weltmacht") und Huntington ("Kampf der Kulturen") - eingedenk ihrer machttheoretischen Vorbilder von Machiavelli bis Carl Schmitt - das Drehbuch geschrieben haben. Der Plot vom 11.9., wer immer für dessen Durchführung verantwortlich war, hat diesem hemdsärmligen Söhnchen von nebenan eine Souveränität beschert, wie sie kein Imperator der Geschichte je für sich in Anspruch nehmen konnte.

Aber der Antibushismus verschanzt sich nicht in einem Kleinbonum, sondern ruft zum Kampf gegen die »Römer« auf, auch wenn der ohne mirakulösen Zaubertrank so gut wie aussichtslos ist. Kaiser Bush wie auch sein Falke Wolfowitz haben mehrfach deutlich gemacht, dass es »either with us or with the terrorists«, nur entweder /oder, geht. Wenn es aber gemeinsam gegen den Terror gehen soll, muss die globale Gemeinschaft ihrem Weltsheriff klar machen, dass er mit »Dead or Alive«-Texasmethoden nicht weit kommt.

Es muss unabhängige internationale Gerichte geben, die seine Polizeiarbeit überwachen. Terrorhäfen wie Saudi-Arabien und Israel können nicht ausgespart bleiben, nur weil der Sheriff dort Geschäfte macht. Die Heroin- und Kokainproduktion zur Finanzierung von Hilfssheriffs kann künftig ebensowenig

geduldet werden wie Koranschulen und Terrorlager zu ihrer Ausbildung. Die notorische Öl-Sucht, die die USA zu einem rasenden, gewalttätigen Junkie gemacht hat, kann geheilt werden. Kurz: Die globale Pax Americana hat - anstelle einer bushistischen New World Order - nur dann eine dauerhafte Chance, wenn sie nicht mit Gewalt und in Konkurrenz zum Rest der Welt, sondern in Kooperation mit ihr entsteht.

Die amerikanischen Werte, die den Deutschen einst den Faschismus austrieben, scheinen als kulturelle und ethische Plattform dazu bestens geeignet. Ebenso wie die ökonomischen und geldwirtschaftlichen Prinzipien, die von 1945 - 1965 der westlichen Welt tatsächlich so etwas wie "Wohlstand für alle" brachten. Die Bodenlosigkeit des Casino-Kapitalismus der "Junk Bonds" und "Derivate" indessen, dem die Loslösung des Dollars vom Goldstandard in den 70er Jahren Tür und Tor geöffnet hat und der uns aktuell die Gigapleite des Megazockers Enron sowie des aufgeblasenen Telekomriesen WorldCom beschert - dieses Sinnbild der kriminellen, korrupten und asozialen Qualität bushistischer Ökonomie kann niemals ein Modell für die globale Wirtschaft werden.

Gegen diese Art von Raubrittertum, da sind sich auch die zaghaftesten Antibushisten einig, hilft nur die »Methode Obelix«: "Wir beginnen mit den Frischlingen, leiten über zu den römischen Patrouillen und kommen schließlich zu den Wildschweinen."

Mathias Broeckers
Mai 2002

Quelle: http://www.broeckers.com/lob_des_antibushismus.htm
ande
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09.09.2003
Und weiter gehts mit der taz:

Macht macht Mainstream

Hätten sie ihre Bücher zu "9/11" als Romane veröffentlicht, den Autoren Bröckers, Hauß, von Bülow und Wisnewski wäre Spott erspart geblieben. Und: Ihre berechtigten Fragen hätten wohl Gehör gefunden

von RENÉE ZUCKER

Ein der Verschwörungsabsichten gänzlich unverdächtiger Bericht des Kongressuntersuchungsausschusses über den 11. September 2001 stellte kürzlich fest: Geheimdienste wie CIA und FBI sind im Vorfeld der Anschläge einige Fehleinschätzungen und schwerwiegende Irrtümer unterlaufen. Deshalb habe man die Attacken auf das World Trade Center und Pentagon nicht verhindern können.

In normalen, amerikanischen Companys würde nach solch eklatanten Fehlern die Firmenleitung entlassen. Hoffen wir jetzt mal, weil man sich dessen heutzutage auch da nicht mehr sicher sein kann. Was aber FBI und CIA angeht, wurden die Chefetagen nicht nur, nachdem sie schuldbewusst alle Fehler auf ihre Kappe genommen hatten, des Vertrauens ihres Präsidenten versichert. Nein, sie bekamen zusätzlich noch eine Etaterhöhung und das neu gegründete "Homeland Security"-Ministerium zur Seite gestellt. Wie soll man das verstehen?

Der größte Fehler von Mathias Bröckers und Andreas Hauß, Andreas von Bülow und Gerhard Wisnewski war wohl, dass sie ihre Bücher nicht in der Belletristik-Abteilung ihrer Verlage produzierten. Ein guter Lektor hätte hier und da noch ein bisschen Lifestyle und Sex untergemengt, der Erfolg wäre bei entsprechender Werbung ("Hätte es nicht auch so gewesen sein können?" "Der Roman zur bislang größten Katastrophe des 21. Jahrhunderts") gesichert gewesen.

Die erwähnten Autoren wollten aber bei den Erwachsenen mitmischen. Bei den Erwachsenen geht es immer um Macht. Bei erwachsenen Männern geht es um noch mehr Macht. Macht macht Mainstream. Und der Mainstream war nun mal entschlossen, die amtliche amerikanische Version des 11. Septembers 2001 zu übernehmen. Der Konsens-Gott mag wissen, warum. Vielleicht, weil die automatische Vermutung, da hätten doch sicherlich FBI, CIA und NSA ihre Finger mit im Spiel gehabt, in diesem Fall zu unglaublich gewesen wäre. Fast alle von uns hatten diese Gedanken, und wir haben uns alle sofort dafür geschämt.

Manche schämen sich noch heute dafür und schieben diesen Gedanken dann anderen Menschen in den Kopf, die sie in ihren Artikeln dann "Peter K." oder "Fabian K." nennen, die "öffentlich auch nicht sagen würden, was" sie dann "einem alten Freund" erzählen, wie in dem FAS-Artikel eines Autors, der rein zufällig auch Peter K. heißt und eine "Reise durch den paranoiden Alltag" unternimmt. Frei nach dem irischen Sprichwort "Wenn du einem zweiköpfigen Schwein begegnest, halt den Mund" schweigen die meisten Zweifler, was man ja auch verstehen kann, da die Faktenlage einfach viel zu verworren ist, als dass man sich mit irgendeiner Theorie NICHT sofort in die Nesseln setzen könnte.

Dabei wäre es schlichteste Journalistenpflicht gewesen, sich auch nur mal an irgendeinen der lose herumfliegenden Fäden zu hängen und zu versuchen, ihn Zentimeter für Zentimeter aufzurollen. Seien es die vermeintlich noch lebenden Verdächtigen, die angeblich immer noch auf der CIA-Seite mit den 19 Entführern zu finden sind, oder das vermaledeite fehlende Foto eines abgestürzten Flugzeugs im Pentagon, damit wir endlich sicher sein können, dass dort auch wirklich eins abgestürzt ist und es nicht etwa eine als Flugzeug verkleidete Rakete war, wie manche behaupten. Der Spiegel hat erst jetzt, fast zwei Jahre nach den Ereignissen, sieben Leute an die Recherchen gesetzt - und auch einiges herausgefunden. Warum nicht gleich so?

In einem "Panorama"-Beitrag wurde kürzlich dagegen einfach beanstandet, die Bröckers & Co. hätten voneinander abgeschrieben. In manchen Fällen hätte sich der Leser aller drei Bücher dies allerdings gewünscht, denn dann wäre die Lektüre nicht so verwirrend anstrengend und ihre Wirkung nicht so albtraumfördernd gewesen.

Nehmen wir ein Beispiel heraus, das weder bei Spiegel noch bei "Panorama" untersucht wurde - und bei allen drei Buchautoren wiederum unterschiedlich interpretiert wird. Unumstößlich scheint die Tatsache zu sein, dass eine Mrs Barbara Olson an Bord der American Airline 77, einer Boeing 757, war, gebucht von Washington nach Los Angeles, abgestürzt ins Pentagon. Mrs Olson war von Beruf Rechtsanwältin und CNN-Kommentatorin und verheiratet mit Ted Olson, US-Generalstaatsanwalt. So weit die Fakten.

Mrs Olson soll nach der Entführung der Maschine zweimal im Justizministerium angerufen haben. Bei von Bülow könnte dies über das bordeigene Telefon in der Lehne des Vordersitzes geschehen sein. Wisnewski schreibt dagegen, dass es laut American Airlines Website auf der Boeing 757 gar keine Bordtelefone gibt. Bei Bröckers ist Mrs Olson mit ihrem Handy in der Toilette gewesen und soll von dort aus zehnmal probiert haben, beim Justizministerium durchzukommen. Dies sei doch nachprüfbar, so Bröckers, indem man die Mobiltelefonrechnung anschaue. Dem hatte aber offenbar Mr Olson einen Riegel dadurch vorgeschoben, dass er in einem Interview mit dem Londoner Telegraph gesagt haben soll, so Bülow und Bröckers, dass sie vom Bordtelefon aus telefonisch um einen "collect call" (einen Rückruf, der vom Rückrufenden bezahlt wird) gebeten habe, weil sie offenbar keine Brieftasche dabei hatte.

Wenn sie aber keine Kreditkarte hatte, darüber sind sich dann wieder alle Autoren einig, konnte sie gar nicht erst irgendwohin telefonieren, auch nicht mit der Bitte um einen Collect Call. Aber abgesehen davon und auch abgesehen davon, dass uns Mister Olson nicht besonders sympathisch ist, weil er jenen denkwürdigen Satz gesagt hat, in dem er sich "eine unendliche Anzahl von Situationen vorstellen kann, in denen Regierungsmitglieder legitime Gründe haben könnten, falsche Informationen zu verbreiten" -, abgesehen davon, könnte man doch auch als Verschwörungstheoriefeind, Philosemit und unverbrüchlicher Amerikafreund nachprüfen, ob es nun Bordtelefone gab oder nicht. Ich war zum Beispiel auf der Site von AA und konnte dort lesen, dass Telefone ausdrücklich für 777 und 767, aber nicht für die 757 erwähnt werden. Wie also hat Mrs Olson wirklich telefoniert, und warum kann es nicht anständig recherchiert werden?

Stattdessen stellte "Panorama" die Autoren in eine Reihe mit Horst Mahler. Obwohl der gar kein Buch zum 11. September geschrieben hat, sondern lediglich in einem Interview seinem Dauer-Wahn fröhnte, nach dem "nur 5 Juden" im World Trade Center umgekommen sein sollen.

Man kann Bröckers, Hauß, Bülow und Wisnewski aus unterschiedlichen Gründen für Spinner halten. Das kann man übrigens bei genauerem Hinsehen fast mit jedem Individuum machen, das sich etwas origineller als andere äußert. So zum Beispiel auch mit Hans Leyendecker, der in einem Artikel vom 30. 8. in der Süddeutschen derart vor sich hin schäumt, dass man glaubt, die Verschwörungstheoretiker hätten ihn im Innersten seiner Seele angegriffen. "Bülows neues Buch wirft wichtige Fragen auf", schreibt er, "aber anders als die Verschwörer-Gemeinde meint: wie nämlich konnte Bülow Staatssekretär werden? Und was hat Bülow in seiner Zeit im Amt angerichtet?"

Sollte Hans Leyendecker bei seinen vielen Nachforschungen vielleicht herausgefunden haben, dass in diesem Land nur diejenigen Staatssekretär werden können, die ganz ganz schlau und weise sind? Das würde uns freuen. Und was von Bülow in seinem Amt als Staatssekretär angerichtet hat, lässt sich ja bei näherem Hinsehen leicht herausfinden. Gerade für jemanden wie Leyendecker, der gern andere für sich mit recherchieren lässt. Aber ihm reicht es, Bülows "von" wegzulassen (Namensfalschschreibung ist ja eine beliebte journalistische Diskriminierungsmaßnahme) und zu verschweigen, dass jener nicht nur Staatssekretär, sondern auch Bundesminister gewesen ist.

Man muss nicht alles für wahr oder klug halten, was die Konspirations-Autoren im Einzelnen vermuten, wie der Tathergang um den 11. September herum gewesen sein könnte. Aber warum müssen sie derart abgestraft werden für Fragen, die gewiss zu stellen sind? Auch wenn einem manchmal der hysterische und höhnische Ton, besonders bei Bröckers und Wisnewski, auf die Nerven gehen kann. Genauso wie die Hetze der Gegenseite.

Es scheint so, als handle es sich doch nur um das beliebte Platzhirschen-Rechthaber-Spiel. Henryk Broder wünschte Bröckers, dass er als Fettfleck an einer Hochhauswand enden solle, woraufhin der meinte, dass Broder sich viel eher als Fettfleck eigne, weil er dicker sei. Leyendecker findet es ein "digitales Ärgernis", dass "angebliche Wahrheitssucher sich einbilden, über Tatsachen urteilen zu können" - als wenn sich dessen vor dem 11. September niemand schuldig gemacht hätte und dies nicht tagtäglich in jeder Zeitung mit den besten Absichten getan würde.

Wer weiß mehr über die technischen Details von Stahlkonstruktionen, bei welchem Wärmegrad sie brennen oder zusammenfallen, wer weiß besser, mit welchem Aufwand welches Flugzeug in welches Loch, auf welchen Turm gesteuert werden kann …? Plötzlich sind die Kollegen, wie bei jedem medial vermittelten Krieg, Spezialisten für alles, und man fühlt sich an ein Treffen von Modelleisenbahnliebhabern erinnert, die sich über den Spieltischen gerieren, als hätten sie "selber jahrelang auf der Lokomotive gesessen".

Wenn bei etwas weniger aufgeregten Gemütern unter den Lesern nicht der Eindruck entstehen soll, es handle sich auch bei den 11. 9.-Debatten wieder nur um Steineschmeißen in der Jungsecke von der Buddelkiste, würde man sich wünschen, dass ein paar ordentliche Arbeiter hingingen und, noch erheblich gründlicher als der Spiegel, jetzt Punkt für Punkt gelassen widerlegten, bestätigten, aufklärten. So, wie wir es gern von Journalisten hättten.

taz Nr. 7152 vom 9.9.2003, Seite 14, 337 Zeilen (Kommentar), RENÉE ZUCKER

Quelle: http://www.taz.de/pt/2003/09/09/a0185.nf/text
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09.09.2003
FASCHISMUS IN DEN USA?

Norman Mailer und seine provozierenden Thesen

Bericht: Karin Alles

In den letzten Jahren war es still geworden um Normal Mailer, das "enfant terrible" der amerikanischen Literatur. Erst seit George Bush Truppen in Richtung Irak verschickt, meldet er sich wieder zu Wort; zornig wie eh und je. "Ich habe schreckliche Angst vor diesem Krieg, weil Amerika zur Zeit einen so großen Appetit auf Krieg hat. Der Einmarsch in den Irak wird nicht das Ende sein."

Mit 25 Jahren wurde der streitbare US-Schriftsteller, Journalist und Regisseur schlagartig berühmt, als sein Anti-Kriegsroman "Die Nackten und die Toten" ein Welterfolg wurde. Er schrieb brilliante Bücher über amerikanische Ikonen wie Marilyn Monroe oder Cassius Clay und war mit ihnen befreundet. "Ihr solltet auf ihn hören", sagte Muhammed Ali einmal über ihn: "Denn so wie ich der Box-Champion bin, so ist er der Schreib-Champion."

Auf der politischen Bühne trat er als mutiger Kämpfer auf. Er kandidierte für das Oberbürgermeisteramt von New York, zog 1967 vor das Pentagon in Washington, bei der größten Demonstration gegen den Krieg in Vietnam, wurde verhaftet und abgeführt. Mailer avancierte journalistisch zum kritischen bis skeptischen Beobachter der US-Gesellschaft. Unter den Mächtigen seines Landes war er als Playboy und Provokateur verschrieen.

Dass der amerikanische Traum auch "Der Alptraum" (1964) sein könnte, hatte er schon Anfang der Fünfzigerjahre erfahren, als Senator McCarthy zur Kommunistenhatz blies. Für seine Reportage "Heere aus der Nacht" erhielt er 1968 den Pulitzer-Preis - nachdem er sich zuvor dem "Autorenkino" zugewendet und das Schreiben auf Eis gelegt hatte. Die begehrte Trophäe sicherte er sich 1980 sogar zum zweites Mal, mit "Gnadenlos - das Lied vom Henker", dem Porträt eines Doppelmörders und Todeskandidaten.

Mit Sorge beobachtet er die gegenwärtigen Kriegsvorberitungen der USA: "Mein Land macht sich zur Zeit zum Narren. Wir verirren uns in ein schreckliches Land, den Irak, wollen es zerstören und anschließend wieder aufbauen. Wenn Sie mir erlauben, eine Analogie zu Goethe zu ziehen: Mir kommt es so vor, als ob Amerika eine fundamentale Ähnlichkeit zu Faust entwickelt hat. Wir haben immer nach unserem Teufel gesucht. Jetzt haben wir unseren Teufel gefunden. Er sieht sogar ein wenig aus wie einer. Ein charmanter Mann, aber überflüssig. Mehr sage ich nicht."

George Bush hat versprochen, die Welt vor dem Terrorismus zu retten, seine Nation in diesem Kampf geeint und auf den Krieg gegen den Irak eingeschworen. Mailer glaubt allerdings nicht an ehrenwerte Motive seines Präsidenten.

"Bush und seine Leute", sagt Mailer, "streben zur Zeit nicht nur die wirtschaftliche Herrschaft über die Welt durch die Globalisierung an. Sie wollen auch die militärische Vorherrschaft. Für sie ist der Irak nur der notwendige erste Schritt zum Ziel. Dieser Krieg ergibt eigentlich keinerlei Sinn. Selbst wenn Saddam der schrecklichste Mann wäre, der in den letzten 500 Jahren die Weltbühne betreten hat, könnte er uns nicht ernsthaft schaden. Ich denke auch nicht, dass er das tun würde, denn in dem Moment, in dem der Irak uns militärisch angreifen würde, mit Atombomben beispielsweise, wäre dieses Land vollständig von der Landkarte verschwunden."

Ein Krieg gegen den Irak, so befürchtet Mailer, könnte einen schrecklichen Flächenbrandes auslösen, der Jahrzehnte dauert. Aber er hält auch Amerikas politisches System für gefährdet. "Die Absicht, die hinter all dem steht, ist, unser Land in den Militarismus zu führen. Dann können sie all die Dinge, die sie an Amerika nicht mögen, abschaffen: die 'Auswüchse' der Freiheit, wie sie das nennen, die bürgerlichen Rechte, die Tatsache, dass sich dieses Land in jede Richtung entwickeln kann, wenn es so demokratisch bleibt. All das möchten sie abschaffen. Wenn sie ein militärisches, ein militaristisches Land haben, können sie es kontrollieren."

Kriegsbegeisterung und Hurrah-Patriotismus sind für Mailer nur die Vorzeichen drastischer gesellschaftlicher Veränderungen. Wo werden sie enden? "Die Antwort lautet: es könnte eine Form von Faschismus kommen. Es wird eine banale Ausprägung des Faschismus sein, bis es wieder zu einer Katastrophe kommt. Drei oder vier Attentate wie am 11. September - und Amerika ist ein faschistisches Land."

Das Trauma von Vietnam, heimkehrende Soldaten, die ihre Orden wegwerfen, und die Erfahrungen des Kalten Krieges haben Mailers Generation geprägt.

Norman Mailer: "Der Kalte Krieg war in mancher Hinsicht ein sehr viel einfachere Zeit, jedenfalls für normale Amerikaner. Sie waren glücklich, denn sie hatten einen Feind. Im Vergleich zu Europäern sind wir Amerikaner einfache Leute, vor allem, wenn man die große Macht Amerikas in Betracht zieht.
Wir lieben Feinde. Bush ist zum Teil deshalb so erfolgreich, weil Saddam Hussein ein so wunderbarer Feind ist. Er ist klein genug, um bequem zu sein, und groß genug, um zum Übel erklärt zu werden. Evil', 'Übel' ist das Lieblingswort von George Bush. Wenn ich etwas gelernt habe, seit er an die Macht ist, dann dies: traue niemals einem Mann, der das Wort 'Übel' zehnmal in fünf Minuten verwendet. Dieser Mann ist nicht daran interessiert, ein Übel abzuschaffen, sondern daran, Macht über Dich zu bekommen."

Quelle: http://www.hr-online.de/fs/ttt/030105thema_4.html
 
07.02.2012, 11:30 - (0.012s) Spammerfutter Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
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