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Thema: SZ: Freiburg im Schnelldurchgang :-) |
ande Administrator 20.06.2003 |
Artikel aus der
Stuttgarter Zeitung
vom 24.05.2003
Impressionen aus der kleinen Großstadt Freiburg
Tangoschule oder Bürgerverein - man kennt sich
Freiburg ist ja gerade erst wieder erstklassig geworden - fußballerisch. In manch anderer Hinsicht scheint die Stadt schon länger Spitze zu sein. Anlass für eine kritische Liebeserklärung.
Von Wolfgang Abel
Angeblich gibt es zwei Sorten Freiburger: Solche, die schon hier sind, und solche, die noch herwollen. Tatsächlich spricht einiges für Freiburg als Oberzentrum spätmodernen Wohllebens. Geht es um Freizeitwert und Therapeutendichte, idyllische Pflastergassen und ökologische Siedlungskonzepte, strikte Mülltrennung und freie Theatergruppen, Fahrradwege und Kurzpassspiel - Freiburg spielt immer vorne mit, zumindest landesweit. Wer im Frühling, der im sonnenverwöhnten Breisgau selbstredend früher als anderswo beginnt, durch die verkehrsfreie Innenstadt schlendert, wähnt sich auf einer urbanen Hängematte. Die Grünflächen längs der Dreisamuferwege sind schon am Vormittag so gut besucht wie die Straßencafés, wo zwischen Oleander- und Palmenkübeln die erste Latte Macchiato eingenommen wird. Ein Basislager der Behaglichkeit.
Im reizarmen Klima der kleinen Großstadt Freiburg haben selbst Klischees eine etwas längere Halbwertszeit: Manche Studenten wohnen hier tatsächlich noch in gelborange gestrichenen Altbauzimmern. Latzhosen und Rastawürste sind auch in der Innenstadt zu sehen. Regelmäßig tauchen im gepflegten Stadtbild Liegeradler auf, für die der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) auch mal eine "Liegeradtour ins Elsass" organisiert, "Abfahrt um 9 Uhr an der Fahrradstation/Blaue Brücke".
Ursula Knöpfle, Cornelia Hösl-Kulike und Renate Holub-Gögelein teilen sich die beiden Stellen zur "Gleichberechtigung der Frau". Wegen Kassenschwäche und aufziehender Verteilungskämpfe sah sich Oberbürgermeister Salomon neulich genötigt, die städtische Gleichstellungsstelle um einen detaillierten Tätigkeitsbericht zu bitten. Worauf die 46 Freiburger Frauengruppen 300 Unterschriften zum "vollständigen Erhalt" der Einrichtung sammeln konnten. Alles in allem scheint Freiburg nicht nur bei der Sonnenscheindauer, sondern auch mit seinen kommunalen Problemen gut bedient. Selbst Punker und deren Begleithunde wirken hier eigenartig wohlerzogen. Eine depressive Grundströmung, wie sie aus den U-Bahnschächten deutscher Großstädte weht, ist in der Breisgaumetropole jedenfalls nicht zu schmecken. Schon, weil es hier keine U-Bahn gibt. Dafür stehen auf den langen Gelenkbussen der Verkehrsbetriebe Worte wie "Grünwellig". Eine Hausbrauerei wirbt mit dem Slogan: "Naturtrüb wie unsere Stadt".
Auch politisch schmeckt es hier nach Konsens. "Badische Lösung" heißt ein traditionelles Freiburger Verfahren zur Konfliktumgehung. Dabei werden die Kontrahenten solange in Gremien ein- und wieder ausgebunden, bis ihnen schwindlig wird. Wer dann noch nicht genug hat kommt in einen Förderkreis. Die Freiburg-Kolumne der einzigen Regionalzeitung heißt "Münstereck", und sie liest sich in etwa so. Wobei es in Freiburg keine Presse gibt, sondern die liberale "Badische Zeitung", die ihren Lesern besonders gerne darlegt, weshalb es daheim so gemütlich und in der Welt so garstig zugeht. " . . .Verse und Sonntagsgeschichten für ein bigottes oder weniger bigottes Lokalblatt schreiben und am Fuße des alles überlebenden Münsterturmes Würstchen mit Senf essen." Der Schriftsteller Christoph Meckel, der seine Heimatstadt beizeiten verließ, ahnte, wie alles enden könnte.
Freiburg hat gut 200 000 Einwohner, eine Universität, allerlei andere Institute, einen Erzbischof und seit 2002 in Dr. Dieter Salomon den ersten grünen Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Wobei dessen Wahl nur überregional Erstaunen auslösen konnte, die schwarzgrüne Kohäsion ist in einer nahezu industriefreien Universitätsstadt, die von Weinbergen, Mountainbike-Strecken, Gourmetlokalen und Vesperbeizen umzingelt ist, nun mal größer als anderswo.
Dabei zeigen die Stadtteile durchaus Unterschiede. Westlich der Bahnlinie, auf dem flachen Schwemmland zum Rheintal hin, beginnt der übliche Wechsel von Bau- und Abholmärkten, unterbrochen von Siedlungen, die mal breiter, mal höher ausfallen. Etwa in Weingarten, wo die Hochhäuser so optimistisch bunt gestrichene Fassaden haben wie in Berlin-Hohenschönhausen. Die vergleichsweise geringe Zahl abgefackelter Mülltonnen zeigt aber, dass die sozialen Gräben überwindbar sind. Trotzdem, für die gut situierten Bewohner der Hangviertel im Osten kommt eine Fahrt in den Westen, nach "Freiburg ex" - wie die Gegend im kleinen Kreis auch mal genannt wird - eher zum Reifenwechsel in Frage.
Was Raumhöhe und Standesbewusstsein angeht, sind die verkehrsberuhigten Altbauviertel Wiehre und Herdern nach wie vor tonangebend. Der Ruf auf einen Lehrstuhl in Freiburg korrespondierte früher gewöhnlich mit einer Wohnadresse im höher gelegenen Herdern, wo eine besonders begehrte Straße nicht nur Sonnhalde heißt, sondern auch entsprechend liegt, uneingeschränkter Münster- und Vogesenblick sind hier selbstverständlich. Emeritierte Professoren schwärmen bis heute davon, dass eventueller Baulandbedarf in den C-4-Lagen Herderns früher schon mal auf dem kurzen Dienstweg geklärt werden konnte. Mit der Zeit haben sich die Habilitationsverfahren geändert, aber noch immer gibt es in Herdern Gattinnen, die in ihrem Bekanntenkreis zwischen einer Vormittags- und einer Nachmittagsfreundin unterscheiden, je nach Bewegungsbedarf der begleitenden Hunde. In der Regel meidet die Freiburger Gesellschaft aber große Gesten. Der letzte Kürschner hat sein Geschäft in der Herrenstraße vor Jahren aufgegeben.
Eine junge Modistin, die ihren Hutladen in der hübschen Konviktstraße ebenfalls geschlossen hat, litt darunter, dass Freiburgerinnen dann zu Stammkunden wurden, wenn sie aus der Stadt wegzogen. Was selten vorkommt. Felix Waidner, der den letzten klassisch sortierten Aussteuerladen in der Stadt führt, blieb vom Gleichstellungsbüro bislang unbehelligt, allerdings verkauft Waidner nur noch ein paar dutzend Ganzleinenservietten im Jahr. Die Papierserviette ist offensichtlich auch im oberen Tausend der Freiburger Gesellschaft angekommen.
Im ebenso altbaureichen wie gemütlichen Stadtteil Wiehre liegen die Verhältnisse etwas anders: Bei Wahlen gelten grüne Ergebnisse unter 30 Prozent als Niederlage, während Christdemokraten mit der 20-Prozent-Hürde kämpfen. Aus einem ehemaligen Beamten- und Pensionärsviertel wurde eine Hedonistenfestung, deren Stuckdeckencharme von alten Kämpfern und neuen Erben gleichermaßen geschätzt wird. Nirgendwo sonst lässt sich die Wandlung ehemals bewegter Naturen zu Lebensstil-Patchworkern besser beobachten. Die Vorgärten befinden sich im Zustand gepflegter Verwahrlosung, auf Balkonen wächst mediterranes Würzkraut, in der Küche hat der Balsamico längst das Maggi verdrängt. Vor dem Kommunalen Kino im Alten Wiehrebahnhof findet am Mittwochnachmittag ein gut beschickter Wochenmarkt statt. Mütter kommen mit Kindern, die im Konjunktiv erzogen werden: "Jurek, würdest du mal bitte herkommen . . ." Es gibt Ziegenkäse und Energiefood, Lauchstangen wachsen aus den ganzledernen Satteltaschen schwarzer Tourenräder mit Magura-Hydraulikbremsen. Man kennt sich aus der Tangoschule oder vom Bürgerverein.
So viel Nähe schafft auch Selbstvertrauen, Radfahrer treten mitunter wie Herrenreiter auf. Autofahrer - die der ehemalige Leiter des Freiburger Ordnungsamtes als "nicht resozialisierbar" - einstufte, schleichen dagegen mit der gebotenen Vorsicht über die Rechts-vor-links-Kreuzungen in Zone 30. In der beliebten Quartiersgaststätte Omas Küche, vermittelt der Zettelkasten am Eingang einen Überblick über aktuelle Therapieangebote, das Spektrum reicht von ganzheitlicher Heilung mit körpereigenen Energiefeldern bis zur Familienaufstellung nach Bernd Hellinger, eine Reiki-Lehrerin behandelt nun auch traumatisierte Hunde. Bei den Gästen bleibt unklar, ob sie zur Arbeit gehen, von dort kommen oder beides nicht nötig haben. Auf der Herrentoilette findet man einen Wickeltisch.
Im Stadtteil Wiehre gibt es aber nicht nur weiche Zonen. So dient die kunstvoll renovierte, ehemals städtische Badeanstalt Marienbad heute nicht nur als freie Theaterbühne, sondern auch als Treffpunkt für straff organisierte Kader und Friedenstreiber. Wenn die Toleranz der ehrenwerten Gesellschaft von Kulturschaffenden überstrapaziert wird, kommt es hier zum Tribunal wegen Ausgrenzung, Kulturfeindlichkeit und noch Schlimmerem. Bei vollem Haus und dicker Luft trifft sich dann eine landesweit bewährte Eingreiftruppe aus lokalen Empörungsprofis und überregionalen Experten, die für das Gute kämpfen.
Der Reflex zwischen Etatkürzung und Entrüstung findet im Marienbad gleichsam einen würdigen Rahmen, zuletzt anlässlich geplanter Etatkürzungen beim Stadttheater, auf die umgehend mit einer Veranstaltungsreihe reagiert wurde, Motto: "So ein Theater". Die Qualität des ausgeschenkten Chianti war der Bedeutung des Themas allerdings nicht angemessen. Eine individualisierte Bohème, wie sie sich zwischen den Altbauten der Wiehre etabliert hat, sucht man in Freiburgs neuestem Stadtviertel vergeblich. Das Vauban-Quartier ist eines der Vorzeigeprojekte der Stadt: Auf dem ehemaligen Kasernengelände der französischen Streitkräfte entsteht hier seit 10 Jahren eine Art Utopia zwischen Solargarage, Plusenergiehaus und Vakuumtoilette. Konversion auf 38 Hektar mit all den Errungenschaften des ökologisch-emanzipatorischen Komplexes. Für die einen die "Grüne Hölle", für die anderen ein Lebenstraum, mit Baugruppen, "Kfz-armer Gemüseanlieferung" und einer "Hebammerei", die Nachkömmlinge milieugerecht entbindet. Man lebt im Vauban-Viertel eng nebeneinander und verkehrsberuhigt, keinesfalls billig, stets umgeben von Verständnisprofis.
Bei Druck im Kiez hilft die "Koko", eine "konstruktive Konfliktberatung", die bei Spielplatzlärm und anderen Quisquilien bereitsteht, die verdichtete Wohnformen mit sich bringen können. So führte das Geratter handgeschobener Bobby-Cars schon zur Bildung einer "Flüsterreifen-Initiative".
Wie jede erwachsene Stadt bietet Freiburg auch seine eigene Negation. Zwischen Vorstadt, Bohèmequartier und Ökokaserne findet die gelassene Mitte ihren Platz, und die zeigt sich recht unbeeindruckt von den Freiburg-typischen Überformungen und Auswüchsen. Wie anderswo übt sich auch im Breisgau die Mehrzahl der ordentlichen Hedonisten in der Kunst, wesentlichen Problemen des Lebens in Teilzeit nachzugehen. Handlicher Zuschnitt, eine angenehme Balance zwischen Nähe und Diskretion, vor allem aber das beruhigende Gefühl, dass die Feuerträger der Moderne anderswo wirken, sorgen für ein städtisches Lebensgefühl, wie man es sonst eher auf einer kleinen Hafenmole genießen kann. Es ist bezeichnend, dass ausgewanderte Ex-Freiburger von zwei Stimmungen berichten. Die einen plagt lang anhaltendes Heimweh, andere berichten von einer längst fälligen Befreiung. Mehr kann man von einer Stadt eigentlich nicht erwarten.
Quelle: http://www.stuttgarter-zeitung.de |
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