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Absender Thema: BZ: Vauban - kunterbunt und autofrei
ande
Administrator
30.08.2003
Badische Zeitung vom Dienstag, 29. Juli 2003

Vauban - kunterbunt und autofrei

BZ-FERIENAKTION: Jörg Lange führte 130 BZ-Leserinnen und Leser durch Freiburgs etwas anderen Stadtteil / Von Stephan Neumann (Text) und Brigitte Sasse (Fotos)

Einer der jüngsten Stadtteile Freiburgs war das erste Ziel der 22. BZ-Ferienaktion. 130 Leserinnen und Leser folgten gestern Jörg Lange vom Forum Vauban auf Schritt und Tritt durch den Modellstadtteil. Kunterbunt präsentiert sich heute das Quartier, und einen kunterbunten Einblick ermöglichte Jörg Lange seinem Publikum. Vauban - der Stadtteil, in dem 40 Prozent der Bewohner unter 18 Jahre alt sind, in dem Einfamilienhäuser neben Häusern mit bis zu 40 Wohneinheiten stehen, in dem der Autoverkehr auf ein Minimum vermindert wurde, in dem die Bewohner die Gestaltung des Stadtteils mitbestimmen, und in dem beim Bau ökologische Interessen Vorrang haben.

Die Führung beginnt dort, wo der heutige Stadtteil seinen Ursprung hatte: In der Studentensiedlung des Studentenwerks. Hier sind noch die alten Kasernenhäuser zu sehen, die von den Nazi erbaut und nach dem Zweiten Weltkrieg von den Franzosen übernommen wurden. Nachdem das französische Militär abgezogen war, halfen sie die studentische Wohnungsnot für einige Jahre zu lindern. Heute müssen wohnungssuchende Studenten wieder mindestens ein halbes Jahr auf eines der 700 begehrten Zimmer warten. Direkt daneben: Die vier in Eigenarbeit umgebauten Mannschaftsgebäude der selbstorganisierten, unabhängigen Siedlungsinitiative (Susi), die 1993 aus der Hausbesetzerszene entstand.

Als Jörg Lange das Thema "Autofreiheit" anspricht,wendet ein BZ-Leser ein: "Die Autos stehen jetzt in Merzhausen und wurden auf den Namen von Opa und Oma angemeldet." Dies sei schlichtweg nicht wahr, so Jörg Lange. 360 Haushalte hätten sich gegenüber der Stadtverwaltung als "autofrei" erklärt. Dem geäußerten Vorwurf sei nachgegangen worden. Ergebnis: Mindestens 90 Prozent der Unterzeichner haben tatsächlich kein Auto - und haben auch keines auf andere Namen zugelassen. Die Stadtteilbewohner, die ein Auto haben, müssen einen Stellplatz in einem der zwei Parkhäuser für 17 000 Euro kaufen. Billiger kommen da die "Autofreien" weg, die lediglich 3600 Euro für eine Vorhaltefläche zahlen. Kaufen sie sich ein Auto, können sie einen Stellplatz nachträglich erwerben. So ist es möglich, zwischen den beiden Möglichkeiten in einem Stadtteil zu wechseln, in dem es fünf mal weniger Autos gibt als im Freiburger Durchschnitt.

"Es ist spannend zu sehen, wie durch die Initiative von Einzelnen etwas entstehen kann, das nicht wirtschaftlichen, sondern ökologischen Interessen folgt", meint BZ-Leserin Brigitte Büchner. 300 Passivhäuser, die sich durch gute Wärmedämmung die Sonnenenergie zunutze machen, stehen auf dem Gelände. Während eine durchschnittliche Wohnung in Deutschland 180 Kilowattstunden pro Quadratmeter verbraucht, benötigen diese Häuser nur 15. Energetisch noch günstiger sind die "Plus-Energiehäuser", die jenseits der Merzhauser Straße stehen. Über das gesamte Jahr gesehen wird hier durch Fotovoltaik mehr Energie erzeugt, als verbraucht wird. Mit Wärme versorgt ein eigenes Holz-Blockheizkraftwerk den gesamten Stadtteil. Durch die Verbrennung von Holzschnitzeln, die aus einem Umkreis von weniger als 50 Kilometern kommen, wird hier auch Strom erzeugt.

Provisorisch wirkt der grüne Mittelstreifen der Vaubanallee, unter deren Arkaden immer mehr kleinere Geschäfte zum Einkauf locken. Hier soll vom nächsten Jahr an die Trasse für die Stadtbahnlinie "Vauban" entstehen. Außerdem verläuft in der Mitte einer der beiden großen Versickerungsgräben. Das gesamte Regenwasser, das von den Dächern und Straßen des Stadtteils abfließt, läuft hier zusammen und kann versickern. Regnet es zu stark läuft das Regenwasser von den Gräben in den St. Georgener Dorfbach. Ein besonderes ökologisches Sanitärkonzept wurde indes nicht im gesamten Viertel umgesetzt, sondern nur im "Passivhaus Wohnen und Arbeiten", in dem auch Jörg Lange arbeitet und lebt: Mit Luft und einem Liter Wasser pro Spülung kommen die Vakuumtoiletten aus, deren Abwasser eine Bio-Gas-Anlage zu Flüssigdünger für die Landwirtschaft verarbeitet.

Viele Ideen der Bürger und Bürgerinnen wurden nur durchgesetzt, weil engagierte Menschen dafür gekämpft haben. "Wir versuchen immer noch gegenüber der Stadtverwaltung zu erreichen, dass der Marktplatz vor dem Haus 37 nicht bebaut wird", erklärt Jörg Lange an der letzten Station der Führung. Mittlerweile sei es immerhin sicher, dass das Haus 37 nicht abgerissen, sondern in Eigenregie renoviert wird. Eine weitere Kindertagesstätte, Räume für das Forum Vauban und andere Initiativen sowie ein Kneipe sollen hier untergebracht werden. Für den Erhalt der vier Kasernengebäude, in denen bis 2002 Asylbewerber untergebracht waren, kämpft noch die Siedlungsinitiative "drei 5/4", die hier genossenschaftlich billige Mietwohnungen anbieten möchte. Kein Wunder, dass BZ-Leserin Irms Schiffhauer-Sinz staunt: "Es ist beeindruckend, was sich in dem Stadtteil alles verändert hat."

Quelle: http://www.badische-zeitung.de
ande
Administrator
30.08.2003
Korrektur:

Es sind nicht 300 Passivhäuser, sondern etwa 300 Wohnungen in Passivhäusern. Passivhäuser dürfte aus (außer der Solarsiedlung, die nur aus Passivhäusern besteht) etwa zehn, maximal 20 geben. Passivhäuser im großen Stil zu bauen war wegen der "falschen" Orientierung der meisten Straßen nicht möglich.
 
07.02.2012, 11:56 - (0.007s) Spammerfutter Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
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